Talente gesucht? Schaut nach bei den Profis vom Fußball!

Im Fußball stehen die Stärken von jungen Spielern im Vordergrund, in der Schule Schwächen. Ein grober Fehler.

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Frauensache WM Karin Zauner

Es hätte nicht die drei Tore von Cristiano Ronaldo im Weltmeisterschaftsspiel Portugal gegen Spanien gebraucht, um festzuhalten, dass er ein großartiges Talent ist. Aber Fußballtalente wie Ronaldo oder Lionel Messi sind
ein guter Anlass zu fragen: Wie kommt der Fußballsport regelmäßig zu derartigen Ausnahmetalenten?

Ganz einfach. Die Suche nach Talenten hat im Fußball von der Clubebene bis zu den nationalen und internationalen Verbänden Priorität. Diese Arbeit erfolgt ernsthaft, gut bezahlt und professionell. Mein Sohn ist 15 Jahre alt und spielt seit einem Jahrzehnt im Verein Fußball. In dieser Zeit haben sein Vater und ich mehr Gespräche mit Trainern und Cheftrainern über das Kind geführt, als wir dies je mit Lehrern taten. Nicht weil wir fußballverzückte Eltern wären, sondern weil wir quasi regelmäßig vorgeladen wurden. Die verschiedenen Fußballtrainer hatten von der Psyche des Jungen über Ernährung, Gesundheit und Fördertraining bis hin zur Zukunftsplanung so ziemlich alles in ihrem Repertoire. Um nicht missverstanden zu werden: An diesem Fußballsystem, das Kinder schon zu professionalisieren versucht, kann man einiges kritisieren. Und wie man in Clubs mit Kindern umgeht, ist bisweilen wenig kindgerecht. Doch punkto Talentsuche könnten sich andere Bereiche, wie etwa Schulen, viel vom Fußball abschauen. Denn ein kleines Land wie Österreich, das auf Innovationen angewiesen ist, braucht die besonderen Talente: in der Wissenschaft, in den Unternehmen, in der Kunst, im Sozialwesen.

Im Fußball schauen sich Scouts, so werden die Talentsucher genannt, die Stärken und die Schwächen von Spielern an. In der Folge konzentrieren sich Trainer auf die Stärken. Sie widmen sich zwar auch den Schwächen und versuchen, diese auszumerzen, doch der Fokus liegt auf dem Guten, das schon vorhanden ist.

Unser Schulsystem hingegen hat einen anderen Fokus: die Schwäche. Der Schüler oder die Schülerin kann wunderbare Aufsätze schreiben, in einer fremden Sprache Referate halten, dass den Lehrern die Luft wegbleibt, oder virtuos am Computer agieren. Das zählt alles nichts, wenn er oder sie in Mathematik schwach ist. Dann wird alle Energie in die Mathematik gesteckt, anstatt die Talente zu fördern. Man steckt so viel Kraft in die Schwächen, dass die Stärken irgendwann verkümmern und mit ihnen das ganze Talent eines jungen Menschen.

Gute Scouts im Fußball, also jene, die Talente aufspüren, zeichnet eines aus: Sie sind selbst Talente in dem, was sie tun, und sie sind fachlich sattelfest. Die Bildungsverantwortlichen sollten sich bei ihnen einiges abschauen. Vielleicht mag das System im Milliardengeschäft Fußball einfacher zu verwirklichen sein, aber auch in unser Bildungssystem fließen Milliarden.

Aufgerufen am 15.12.2018 um 06:09 auf https://www.sn.at/kolumne/blog/talente-gesucht-schaut-nach-bei-den-profis-vom-fussball-29439865

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