Der Mann im Dienste von insgesamt zehn Finanzministern

Kommen und Gehen gehört in Brüssel zum Job. Gerhard Lerchbaumer blieb 25 Jahre und ist auch sonst ein selten gewordener Typus Beamter.

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Frühstück in Brüssel | Persönlichkeiten der EU Monika Graf

Einen Kaffee gern, Frühstück nie. Gerhard Lerchbaumer, seit 25,5 Jahren Österreichs Vertreter des Finanzministeriums in Brüssel, hat klare Vorlieben und Rituale. Das vereinbarte Lokal nahe seinem Büro in der Ständigen Vertretung Österreichs ist an diesem Morgen zu. Einfach so. Also rasch weiter in das neue italienische Café direkt am Rond Point Schuman, wo er hie und da Espresso im Stehen trinkt.

Ende November geht Lerchbaumer in Pen sion und mit ihm ein Typus Beamter, der heute fast wie eine Musil'sche Romanfigur wirkt. Er ist selbstverständlich fachlich qualifiziert, loyal und - gestählt durch Hunderte Sitzungen oft bis ins Morgengrauen - Meister im Verhandeln. Aber er ist auch vielsprachig, weltgewandt, belesen und kunstsinnig, immer formvollendet, oft ironisch, manchmal unwirsch.

Er sammle "alles außer Briefmarken", sagt er, vor allem alte Landkarten, insbesondere seiner Heimat Kärnten, und alte Bücher. Die Flohmarkt- und Antiquitätenkultur in Belgien kommt ihm dabei entgegen. Er liebt Oper und Malerei, er spielt Klavier. Seinen trockenen Humor schätzen auch EU-Korrespondenten. Zehn Finanzministern hat Gerhard Lerchbaumer gedient, sie vom Flughafen Zaventem abgeholt, sie schon auf dem Weg "gebrieft" und mit den wichtigsten Fragen und Eckpunkten für das Ratstreffen versorgt. Nach Brüssel geschickt hat ihn Ferdinand Lacina, 1991, für ein, zwei Jahre. Dann kam Österreichs EU-Beitritt, 1998 die erste Ratspräsidentschaft, dann der Euro, die nächste Präsidentschaft, die Finanzkrise, die Griechenland-Rettung. Immer war Lerchbaumer mit seiner Expertise und seinen Kontakten in Brüssel unabkömmlich.

Was er am meisten vermissen wird, sagt er, seien "die berufsbedingten Zusammenkünfte der Mitgliedsstaaten, um gemeinsam etwas zu erreichen", genau das, was er mehr als zwei Jahrzehnte lang im Rat gemacht hat. Also verhandeln "mit dem jeweiligen Lerchbaumer" anderer Länder - wobei heute niemand auch nur annähernd so lange in der Position ist wie er. Zurückgehen in die Hauptstädte gehöre
in Brüssel zum Job, sagt er. Freundschaften überleben nur in seltenen Fällen die Entfernung. Was er noch vermissen wird? Kleine Rituale wie das samstägliche Mittagessen im De l'Ogenblik, einem Brüsseler Traditionslokal, oder ein Abendessen im Vismet, einer der besten Adressen für Fisch. Vielleicht auch seine Wohnung nahe dem alten Fischmarkt ("Das hat einen besonderen Klang") und weit genug entfernt von den typischen Diplomatenvierteln. Generell lebe es sich in Brüssel nicht viel anders als in Wien, sagt er. Seit den Terroranschlägen habe sich das Lebensgefühl aber verändert, auch wenn die Belgier das gelassen nehmen - "sie gehen einfach weiter in ihre Restaurants und geben ihr Geld aus".

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