Molenbeek - Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben

Brüssels bekanntester Bezirk hat unbekannte Seiten und eine Bürgermeisterin, die ihre Gemeinde verteidigt.

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Frühstück in Brüssel | Persönlichkeiten der EU Monika Graf

Am Donnerstag ist in Molenbeek, mittlerweile bekannt als Brüsseler Terroristen-Hochburg, Markttag. Auf dem Platz vor der Kirche stehen dicht gedrängte Verkaufsstände, hupen Lieferwagen, Frauen mit Kopftüchern in knöchellangen Mänteln kaufen Gemüse. Einen Häuserblock entfernt im Café Le Phare, am Kanal, der Molenbeek von der City trennt, ein anderes Bild: Junge Frauen nippen an ihrem Café au Lait und tippen auf ihren Laptops.

Françoise Schepmans, seit 2012 Bürgermeisterin des Bezirks, hat das modische Lokal für ein Frühstück vorgeschlagen. Die liberale Politikerin und zweifache Mutter hat ihr ganzes Leben in Molenbeek verbracht: "Ich habe alle Veränderungen in meiner Gemeinde miterlebt. Ich kenne ihre Stärken und ihre Schwächen."

Die Schwächen sind ja bekannt: Die Mehrheit der Terrorattentäter von Paris 2015 kam aus Molenbeek, dem zweitärmsten Bezirk Brüssels. 50 Prozent der Jugendlichen haben keinen Job und keine brauchbare Ausbildung. Schepmans zählt die Stärken auf: ein Olympia-Schwimmbecken, ein Fußballstadion, Grün flächen, ein Schloss. Und die Revitalisierung des Kanals mit trendigen Hotels, Cafés, Apartmenthäusern und einem brandneuen Museum.

Molenbeek, erläutert sie, habe seit dem 19. Jahrhundert Migranten aufgenommen. Flamen, dann Italiener und Spanier, die in Brauereien, Tabakfabriken, Autowerken entlang dem Kanal arbeiteten. Als die Industrie verschwand, zogen sie in die neuen Wohnsiedlungen am Rand von Molenbeek. Die kleinen Häuser im historischen Zentrum füllten ab den 1960er-Jahren "die neuen Migranten", vor allem marokkanischen Ursprungs, die ihre Familien nachholten. Bis die Minderheit die Mehrheit wurde. "Und eine Mehrheit macht weniger Anstrengungen, sich an der Gesellschaft des aufnehmenden Landes zu beteiligen", sagt Schepmans.

Sie habe in den 90er-Jahren gesehen, dass sich in Molenbeek etwas anbahne. Dass "die kulturelle Abschottung eine religiöse Abschottung wurde - mit einem ziemlich konservativen Islam". Doch niemand wollte über Integration reden. "Na, Françoise, bist du ein wenig fremdenfeindlich?", habe es dann geheißen.

Dass aus einer Gruppe jugendlicher Gauner - die alle in der gleichen Schule waren und in den gleichen Vereinen - Terroristen wurden, erklärt sie mit dem Charisma ihres Anführers Abdelhamid Abaaoud. Und es sei unterschätzt worden, dass die Jugendlichen Anfang 2013 in den Dschihad gezogen seien. Man habe das als Selbstverwirklichungstrip gesehen. "Niemals hätte man sich vorgestellt, dass so ein Mensch zurückkommt, um zu töten", sagt sie.

Vor dem Café geht ein junges Paar mit seinen Einkäufen vom Markt vorbei, er in der traditionellen Dschellaba und mit langem Bart, sie in Umhang und schwarzem Kopftuch. "Das sind die Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben", sagt Schepmans nachdenklich. Und muss zum nächsten Termin.

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