Was einen Verkehrspolitiker in Brüssel so richtig aufregt

Der oberste Verkehrs- experte des EU-Parlaments hat kein Auto. Der Berliner weiß aber, wie man Wege über Grenzen hinweg baut.

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Frühstück in Brüssel Monika Graf

Das Flugzeug aus Berlin hat Verspätung. Wer Michael Cramer, den Vorsitzenden des Verkehrsausschusses im EU-Parlament, an einem Montag trifft, muss die Anreise aus seiner Heimatstadt einkalkulieren. Im Winter kann es wetterbedingt schon mal Mittag werden, bis er im Parlamentsgebäude in Brüssel ist - und am vereinbarten Treffpunkt, der Mickey-Mouse-Bar, von allen so genannt wegen der auffälligen Sessel. An den anderen Wochentagen frühstückt der 67-jährige Grüne um acht Uhr in der Mensa des Parlaments und verlässt das große Glasgebäude kaum vor acht, halb neun abends. Entsprechend wenig kennt er nach zwölf Jahren als Europaabgeordneter Brüssel.

Aktuell hat er wieder große Brocken im Ausschuss abzuarbeiten: das 4. Eisenbahnpaket, neue Regeln für Häfen in der EU. Was ihn seit Tagen aber wirklich aufregt, ist der Schwenk der EU-Kommission bei der geplanten deutschen Pkw-Maut. In Wahrheit habe der Kabinettschef von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, Martin Selmayr, Verkehrsminister Alexander Dobrindt zum CSU-Parteitag einen Gefallen getan, meint er. Die zuständige Kommissarin sei nicht eingebunden gewesen.

Aus Cramers Sicht ist der Vorschlag Dobrindts "europafeindlich", das Vignetten-Konzept "antiquiert, unökologisch und unsozial". Grundsätzlich hat der passionierte Radfahrer, der seit 1979 "ohne Auto mobil" ist, nichts gegen eine Maut, nur etwas gegen eine für Ausländer und "ein Bürokratie-Monster, das nicht viel bringt". Der ausgebildete Lehrer kontert auch das Bild der Autofahrerclubs, dass Autofahrer die Melkkuh der Nation seien: In der EU werde jedes Auto mit 1600 Euro subventioniert, sagt er, berücksichtige man die Gesundheits- und Umweltkosten des Straßenverkehrs.

Cramer vermisst im EU-Verkehr den Blick aufs Ganze. Wie Straßen, Schienen, Wege über Grenzen hinweg verbunden werden können, hat er nach 1989 im Berliner Stadtsenat gelernt. Damals hat er auch die Idee des Mauer-Radwegs geboren, der seit 2007 rund 160 Kilometer die einstige Mauer entlangführt. Jeden zweiten Samstag bietet Cramer dort Touren an. Noch mehr freut ihn, dass auch sein Konzept für einen Radweg entlang des Eisernen Vorhangs umgesetzt ist. 6000 der 10.000 Kilometer hat er selbst schon zurückgelegt. Den Rest plant er für die Pension - nach 2019.

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