Helden. Und sogenannte Helden.

Kriegsherren und Kaiserkinder: Der öffentliche Raum ist zu wichtig für Ideologieblindheit. Und für Gedankenlosigkeit.

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Kollers Klartext Andreas Koller

Man mag einwenden, dass die Frage, ob der Wiener Heldenplatz weiterhin Heldenplatz heißen soll, auf der von zehn (sehr wichtig) bis eins (gar nicht wichtig) reichenden politischen Prioritätenskala eine geschätzte Rangstufe von minus sieben einnimmt. Denn richtig, es gibt Drängenderes, und richtig, wir haben andere Sorgen. Dessen ungeachtet wirft die von Kulturminister Thomas Drozda in den öffent lichen Raum gestellte Frage nach dem Heldenplatz eine andere, wichtigere Frage auf. Nämlich die Frage, wie wir mit dem öffentlichen Raum grundsätzlich umgehen. Wie wir ihn gestalten. Und wie wir ihn benennen.

Der Heldenplatz wurde so benannt in imperialistischen Zeiten, er wurde im Abendglanz der zerrütteten Monarchie errichtet, um vergangener militärischer Großtaten zu gedenken. Er wird geprägt von zwei Feldherren in Bronze hoch zu Ross. Im angrenzenden Äußeren Burgtor klirren die Schwerter. Der Platz ist das Stein gewordene 19. Jahrhundert, er dient der Huldigung von sogenannten Helden, die Tausende Menschen in den Krieg und in den Tod geführt haben. Weg damit.

Weg damit? In den vergangenen Jahrzehnten haben sich - wie in dieser Zeitung kürzlich aufgelistet - den bronzenen Heeresführern ganz andere Heldendenkmäler zugesellt, darunter ein Denkmal für die von der Nazi-Justiz zu Tode gebrachten Deserteure aus der NS-Wehrmacht.

Man könnte sich noch weitere derartige Denkmäler vorstellen, um den Heldenplatz ins 21. Jahrhundert zu führen. Etwa ein Denkmal für Soldaten im Widerstand wie die Offiziere Biedermann, Huth und Raschke, die in den letzten Kriegstagen der Wiener Zivilbevölkerung die Zerstörung ihrer Stadt ersparen wollten und dafür von der SS ermordet wurden. Oder für Käthe Leichter, Rosa Jochmann und Tausende andere, die für ihre Gesinnung ins KZ kamen. Oder für die Franziskanerin Maria Restituta, die als Nazi- und Kriegsgegnerin 1943 hingerichtet wurde. Oder für den Kriegsdienstverweigerer Franz Jägerstätter, den 1943 das gleiche Schicksal ereilte. Oder für die 65.000 ermordeten österreichischen Juden. Oder für die durch Kriegseinwirkung umgekommenen Frauen und Kinder. Das sind die Helden unserer Zeit, da sie die Basis für unser demokratisches Österreich legten. Der Heldenplatz ist auch ihr Platz, und nicht nur der Platz Prinz Eugens und Erzherzog Karls. Also doch nicht weg damit.

Der öffentliche Raum, und der schräge Diskurs über diesen, beschränkt sich nicht auf die Bundeshauptstadt. Beispielsweise sollte man allmählich die Frage stellen, ob es angeht, dass der Name Franz Conrad von Hötzendorfs, Erste-Weltkriegs-Generalstabschef und oberster Kriegstreiber, immer noch zahlreiche Straßen und Plätze dieser Republik verunziert. Nach der Pazifistin und Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner hingegen ist in Wien nur ein unscheinbares Gässchen benannt, und in den meisten anderen hiesigen Städten verschweigt man die große Frau zur Gänze. Wäre sie eine rote Gemeinderätin gewesen, oder ein schwarzer Vizebürgermeister, oder eben ein Armeeführer, sie wäre weit prominenter verewigt.

Die Stadt Wien wiederum tilgte zwar den Namen Karl Luegers wegen dessen antisemitischer Äußerungen von der Ringstraße, sie macht aber keine Anstalten, den nach einem eifrigen Euthanasie-Befürworter benannten Julius-Tandler-Platz umzubenennen. Was wohl damit zu tun hat, dass Lueger ein böser Christlichsozialer, Tandler hingegen ein aufrechter Sozialdemokrat war, ebenso wie "Anschluss"-Befürworter Karl Renner, dessen Namen die Ringstraße vor dem Parlament trägt.

Und dass in der Stadt Salzburg die repräsentativen Kais an der Salzach nach dem verewigten Kaiser Franz Josef und seiner Familie benannt sind, kann jedenfalls nicht auf deren Verdienste zurückzuführen sein. Die waren nicht so groß.

Den öffentlichen Raum in Wien schmückt allen Ernstes eine Büste Che Guevaras - eines Mannes also, der im Zuge der kubanischen Revolution Hunderte Gegner foltern und ermorden ließ. Egal, der Mann ist den meisten ohnehin nur noch als T-Shirt-Motiv geläufig. Vom jüngst bekannt gewordenen Projekt, auch dem vietnamesischen Kommunistenführer Ho Chi Minh ein Denkmal zu errichten, nahm die Stadtverwaltung im letzten Moment Abstand. Aber nicht etwa, weil man draufgekommen wäre, dass unter der weisen Führung Hos eklatante Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen verübt wurden, sondern weil der Wiener Zeitungsboulevard gegen die unselige Idee opponierte. Von allfälligen Plänen für Kim-Il-Sung-, Mao- oder Stalin-Statuen ist - zumindest zur Stunde - nichts bekannt, aber was nicht ist, kann noch werden.

Der Heldenplatz möge Heldenplatz bleiben. Doch Minister Drozda hat mit seiner Heldenplatz-Idee einen wichtigen Anstoß geliefert. Der öffentliche Raum ist zu wichtig für Ideologieblindheit. Und für Gedankenlosigkeit.

Aufgerufen am 23.09.2018 um 07:11 auf https://www.sn.at/kolumne/kollers-klartext/helden-und-sogenannte-helden-336823

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