Lechts und rinks . . .

. . . kann man nicht velwechsern. werch ein illtum. - So weit der Dichter Ernst Jandl, den die österreichische Realität, Stichwort Asylkrise, derzeit locker einholt.

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Kollers Klartext Andreas Koller

Es begab sich vor wenigen Wochen zu Beginn dieses Schul- und Kindergartenjahres, dass Salzburgs Vizebürgermeisterin Anja Hagenauer (SPÖ) eine "dringende Empfehlung" an moslemische Eltern in ihrer Stadt richtete. Und zwar empfahl Frau Hagenauer diesen Eltern dringend, ihre kleinen Töchter ohne Kopftuch in den Kindergarten zu schicken. Das Tragen des Kopftuchs komme einer Diskriminierung gleich. Auch würden die Kinder oft gehänselt, sagte Hagenauer.

Das bekam ihr nicht gut. Sogleich pfefferte die grüne Bürgerliste eine Aussendung in die Redaktionen, in der die rote Vizebürgermeisterin heftig gescholten wurde: Eine "völlig unnötige Meldung" Hagenauers sei dies gewesen, sie habe "Vorurteile" gestärkt und "Ängste" geschürt, "Scheindebatte", "kein konstruktiver Beitrag zur Integration", "rechter Rand der SPÖ" - es gab kaum einen denkbaren Vorwurf, den die Bürgerliste gegen die Vizebürgermeisterin nicht in Stellung brachte. Weil diese empfohlen hatte, Mädchen nicht mit absurden Kleidungsvorschriften einer patriarchalischen Gesinnung zu stigmatisieren.

Dabei dachte man immer, dass die Gleichstellung von Mädchen und Buben ein genuines grünes Anliegen sei.

Wir sind hier mit einem bemerkenswerten Beispiel für ein Phänomen konfrontiert, das sich - bei aller Unschärfe - so verallgemeinern lässt: Je linker, je fortschrittlicher, je gender-bewusster die Gesinnung einer Partei oder einer Person ist, desto größer ist deren Verständnis für religiös motivierte Bekleidungsvorschriften. Und desto kleiner ist deren Bereitschaft, Migranten durch sanften Druck (etwa die Verknüpfung von Sozialleistungen mit Integrationsbemühungen) aus ihrer Isolation zu holen.

Und umgekehrt: Je konservativer die Gesinnung, desto größer das Bemühen, Migranten in die Pflicht zu nehmen und sie dadurch in die Mitte der Gesellschaft zu holen - etwa mittels Integrationsverpflichtungen, mit der Heranziehung zu gemeinnützigen Tätigkeiten, mit der Verbannung diskriminierender Kleidungsstücke. Wobei es uns natürlich fernliegt, die rote Salzburger Vizebürgermeisterin als konservativ oder gar als rechts zu bezeichnen. Das tun ohnehin ihre politischen Gegner von der Bürgerliste, die sie am "rechten Rand der SPÖ" verorten.

Denn es gilt als rechts, Symbole einer archaischen Gesinnung aus dem Straßenbild,
der Schule und dem Kindergarten verbannen zu wollen. Und es gilt als links, diese Symbole als Zeichen einer gelebten Multi-Kultur zu akzeptieren.

Es gilt als rechts und schrecklich reaktionär, Sorgen über den Migrantenstrom aus fremden Kulturwelten zu äußern. Es gilt als links und wahnsinnig fortschrittlich, diesen Migrantenstrom und alle kulturellen Änderungen, die er mit sich bringen mag, als eine willkommene Bereicherung unserer Gesellschaft zu betrachten.

Es gilt als rechts, reaktionär und fast schon rassistisch, sich Sorgen zu machen über das Frauenbild der Zuwanderer aus der arabischen Welt. Oder auch die Frage zu stellen, wie die Zuwanderer auf westliche Phänomene wie Frauenemanzipation oder Schwulenpartnerschaften reagieren. Oder welche Einstellung sie zu den jüdischen Bürgern und zum Existenzrecht des Staates Israel haben. Und es gilt als links und fortschrittlich, bei sämtlichen Zuwanderern jene liberale und weltoffene Gesinnung vorauszusetzen, die man selbst zur Schau trägt.

Es gilt als rechts, eine strikte Trennung zwischen politischen Flüchtlingen, sonstigen Zuwanderern und illegalen Migranten einzufordern. Es gilt als links und fortschrittlich, jeden illegalen Zuwanderer unterschiedslos als "Flüchtling", neuerdings auch "Schutzsuchenden" zu bezeichnen und ihn ins Asylverfahren aufzunehmen.

Dass diese Scheinflüchtlinge das Asylverfahren restlos zum Erliegen bringen und dadurch den echten Flüchtlingen erhebliche Nachteile zufügen, wird als kleiner Kollateralschaden in Kauf genommen.

Linke und Fortschrittliche bereiten mit ihrer falsch verstandenen Toleranz einer Gesellschaft die Bahn, die weder links noch fortschrittlich ist. Und die Positionen verwischen sich bis zur Absurdität. Beispielsweise sollte man annehmen, dass sich Parteien und Personen, die das Binnen-I und die gesetzliche Frauenquote hochhalten, auch für ein gesetzliches Burkaverbot aussprechen werden. Weil es ja nicht eben ein Beitrag zur Gleichberechtigung ist, Frauen mit dunklen Tüchern zu verhängen. Aber weit gefehlt. Oder wie es Julia Herr, Chefin der Sozialistischen Jugend, ausdrückte: "Wenn ich eine Burka tragen will, kann ich eine tragen - und aus." Dass die burkatragende Frau dies vielleicht nur auf männlichen Zwang tut, dass dieses Kleidungsstück Ausdruck einer reaktionären patriarchalischen Gesinnung sein könnte, kam der Jungsozialistin, die ansonsten an jeder Ecke reaktionäre patriarchalische Gefahren wittert, nicht in den Sinn. Lechts und rinks kann man leicht velwechsern.

Aufgerufen am 21.09.2018 um 12:54 auf https://www.sn.at/kolumne/kollers-klartext/lechts-und-rinks-1051849

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