Was ist so schlecht an Ein-Euro-Jobs?

Den Menschen eine sinnvolle Betätigung anzubieten und sie solcherart in die Mehrheitsgesellschaft zu holen ist der wohl beste Beitrag zur Integration.

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Kollers Klartext | Innenpolitk Andreas Koller
Was ist so schlecht an Ein-Euro-Jobs? SN/APA/KEYSTONE/LUKAS LEHMANN
Flüchtlinge beim Warten: Nichts wirft Menschen mehr aus der Bahn als die Tatsache, keine Tagesstruktur, keine Perspektive, keine Aufgabe zu haben.

Die grüne Integrationssprecherin sagt ein "klares Nein" zum Plan des schwarzen Integrationsministers, arbeitslose Asylberechtigte zu Ein-Euro-Jobs zu verpflichten. Denn damit wäre ein "massivstes Lohn- und Sozialdumping" auch für österreichische Arbeitskräfte verbunden.

Die roten Jugendorganisationen fordern den Integrationsminister in einer erstaunlich holprigen Aussendung zum Rücktritt auf, weil die Ein-Euro-Jobs zur "Förderung von BilligstarbeiterInnen" führten und eine "Gefahr der Ausbeutung durch die ArbeitgeberInnen" bestehe.

Eine ehemalige SPÖ-Abgeordnete wirft dem Integrationsminister via Twitter vor, "Stimmung zu machen" und "an nachhaltiger Politik nicht interessiert" zu sein.

Ein Zeitungskommentator unterstellt dem Integrationsminister, Flüchtlinge mit "Drohungen und Schikanen zur Arbeit zu zwingen".

Selbst der Caritas-Präsident argwöhnt, dass es dem Minister nicht um die Flüchtlinge geht, sondern "um den Aufbau und Ausbau eines Niedriglohnsektors in Österreich".

Zugegeben: Die Schaffung eines zweiten Arbeitsmarktes für jene unter den Asylberechtigten, die auf dem normalen Arbeitsmarkt keine Chance haben, ist ein schwieriges Unterfangen. Es wird vor allem darauf zu achten sein, dass die Ein-Euro-Jobs für die Flüchtlinge nicht zur Vernichtung von Arbeitsplätzen im Gewerbe führen, nach dem Motto: Wozu noch einen Profibetrieb und dessen Angestellte mit der Pflege von öffentlichen Grünanlagen betrauen, wenn das doch Flüchtlinge um einen Euro pro Stunde viel billiger erledigen. Dieser Verdrängungswettbewerb darf nicht stattfinden, und er wird auch nicht stattfinden. Denn in unserer Gesellschaft gibt es entgegen einer populären Meinung genug Arbeit, beispielsweise im Sozialbereich. Sie wird nur nicht erledigt, weil sie niemand zahlt. Diesen derzeit noch nicht existenten Arbeitsmarkt für Flüchtlinge zu öffnen scheint kein übler Gedanke.

Daher beschleicht den Beobachter der Eindruck, dass es den oben zitierten Bedenkenträgern um alles Mögliche geht, beispielsweise darum, dem Integrationsminister am Zeug zu flicken, nur um eines nicht: um die Frage, ob die Ein-Euro-Jobs nicht vielleicht eine äußerst sinnvolle Maßnahme zur Integration sein könnten. Denn nichts ist für Menschen deprimierender als das Gefühl, nicht gebraucht zu werden. Nichts wirft Menschen mehr aus der Bahn als die Tatsache, keine Tagesstruktur, keine Perspektive, keine Aufgabe zu haben. Nichts führt auf direkterem Weg in die Parallelgesellschaft, als den Menschen ein Taschengeld, genannt Mindestsicherung, in die Hand zu drücken und ihnen im Übrigen zu signalisieren: Ihr könnt euch ruhig einrichten in eurer Untätigkeit, ihr braucht keinen Beitrag für unsere Gesellschaft zu leisten, wir benötigen euch nicht. Eine solche Botschaft muss vor allem bei jungen Menschen den Weg in ein selbstbestimmtes Leben unpassierbar machen.

Und nichts ist ein besserer Beitrag zur Integration, als den Menschen eine sinnvolle Betätigung anzubieten und sie solcherart in die Mehrheitsgesellschaft zu holen. Diese Idee als "Zwangsarbeit" zu diskreditieren setzt ein gerüttelt Maß an Realitätsverweigerung und/oder schlechtem Willen voraus. Viele Kritiker scheinen die Idee allein deshalb abzulehnen, weil sie von Sebastian Kurz stammt, einem Mann, der zwar viele Anhänger hat, bei seinen mindestens ebenso zahlreichen Gegnern aber mitunter irrationale Abneigung auslöst.

Im Übrigen fällt auf, dass jene, die eine Arbeitsverpflichtung empört ablehnen, in der Regel mit denen identisch sind, die jegliche Maßnahme zur Reduzierung des Migrantenstroms für absolut unzulässig erklären. Man darf an diese Zeitgenossen die Frage richten, wie sie sich eine Gesellschaft vorstellen, die jährlich Zigtausende Migranten aufnimmt und gleichzeitig keine Anstalten macht, diese in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Wohin eine solche Politik führt, ist in diversen französischen und belgischen Vorstädten zu besichtigen. Ganz abgesehen davon, dass unsere Gesellschaft, die ohnehin bereits an der Kippe steht, dann endgültig nach rechts außen abdriften würde.

Also dorthin, wo besagte Zeitgenossen sie gewiss nicht haben wollen.

Aufgerufen am 15.11.2018 um 07:52 auf https://www.sn.at/kolumne/kollers-klartext/was-ist-so-schlecht-an-ein-euro-jobs-1138069

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