Wenn alle Wünsche in Erfüllung gehen

Die Grünen feierten eben ihren größten Erfolg. Seither tobt ein Streit. Warum eigentlich?

Autorenbild
Kollers Klartext Andreas Koller

Die wohllautenden Zeilen "Mögen alle deine Träume in Erfüllung gehen" gelten gemeinhin nicht nur als frommer Wunsch, sondern auch als böser Fluch. Infolgedessen ist bei den Grünen unmittelbar nach der Erfüllung ihres lang gehegten Wunschtraums - einer der Ihren wurde Bundespräsident - eine kleine Parteikrise ausgebrochen, personifiziert durch Parteiveteran Peter Pilz und Parteichefin Eva Glawischnig. Pilz forderte von den Grünen einen linkspopulistischen Kurs ein, Glawischnig wies dies verärgert zurück. Glawischnig bezichtigte Pilz, keine Spenden für den Wahlkampf Van der Bellens geleistet zu haben, Pilz konnte das Gegenteil beweisen. Und so weiter, und wir wollen uns gar nicht erst mit der Frage aufhalten, woher Glawischnig über die Spendentätigkeit eines vorgeblich unabhängigen Wahlkomitees Bescheid zu wissen glaubt.

Wie auf Befehl bringen sich auch die ersten Heckenschützen in Stellung. Ein nicht genannter Grünen-Funktionär aus einem nicht genannten Bundesland orakelte im "Standard" dieser Tage von einem baldigen Ende der Ära Glawischnig. Und das nur wenige Tage nach ihrem größten Triumph! Derlei ist man sonst nur von der ÖVP gewöhnt, mit der kleinen Einschränkung, dass es dort seit geraumer Zeit keine größten Triumphe mehr zu feiern gibt.

Das Zerwürfnis zwischen Glawischnig und Pilz wird gewiss auch persönliche Gründe haben. Pilz hat in seinem langen politischen Leben zwischen Fundi und Realo bereits so gut wie alle Rollen gespielt, er ist ein begnadeter Kommunikator und ein begnadeter Selbstdarsteller. Glawischnig ist eine nüchterne Sach politikerin. Das passt nicht gut zusammen.

Doch im Grunde geht es in der Auseinandersetzung nicht um persönliche Befindlichkeiten, sondern um die grüne Strategie. Eva Glawischnig hat es in ihren bisher acht Jahren als grüne Bundessprecherin geschafft, die Partei in der Mitte zu verankern. Im Nationalrat agieren die Grünen als konstruktive Oppositionsfraktion, die sich nicht scheut, der Regierung bei Vorhaben, die sie für sinnvoll erachtet, die Stimmen zu leihen. Nach außen hin treten die Grünen stromlinienförmiger auf als jede andere Partei. Die Bundesparteiführung engagierte Werbe- und Marketingprofis, die den Grünen, unter dem Kommando des gestrengen, kürzlich abgetretenen Geschäftsführers Stefan Wallner, bis in die letzte Ortsgruppe ein einheitliches Erscheinungsbild verpassten.

Das Diktat der grünen PR-Leute hatte seinen Preis. Kritiker beklagten, dass das Marketing bei den Bundesgrünen bereits die Politik verdecke. Politische Alleingänge einzelner Funktionäre, die die bürgerliche Ruhe störten, wurden mitunter durch böse Anrufe aus der Wiener Parteizentrale geahndet. Für Alphatiere à la Peter Pilz wurde der Platz immer enger.

Die Grünen haben unter Eva Glawischnigs Führung also Ecken und Kanten verloren, ebenso ihren einstigen Nimbus als Bürgerschreck. Doch der Durchbruch bei den Wählern will nicht und nicht gelingen. Bei der Na tionalratswahl 2013 - der ersten unter Glawischnigs Führung - erhielten die Grünen 12,4 Prozent. Das ist ein schöner Zuwachs im Vergleich zu 2008, als die Grünen mit 10,04 nur knapp zweistellig blieben. Aber dennoch: Zwölf Prozent sind für eine Partei, die gern
eine tragende Rolle in einer künftigen Regierung spielen möchte, eindeutig zu wenig.
Die Grünen kommen nicht vom Fleck.

Wie es gehen könnte, zeigen die Grünen in einigen Bundesländern vor. In Vorarlberg erzielten die Grünen bei der letzten Landtagswahl 17,1 Prozent und treten seither unter der Führung von Parteichef und Landesrat Johannes Rauch als verantwortungsvolle Regierungspartei in Erscheinung. In Salzburg - wo SPÖ und ÖVP dank des Finanzdebakels in einer Vertrauenskrise steckten - waren es bei der letzten Landtagswahl gar 20,2 Prozent. Auch hier sitzen seither drei Grüne auf der Regierungsbank. Regierungsverantwortung - nämlich: Regierungsverantwortung, die über die Bestellung eines grünen Proporzlandesrats hinausreicht - trugen oder tragen die Grünen auch in Wien, Oberösterreich, Kärnten und Tirol. Desgleichen ist den Grünen auf Bundesebene noch nie beschieden gewesen.

Wer die Postings studiert, die in österreichischen Medien nach Auftritten der grünen Parteichefin abgesondert werden, muss zum Schluss kommen, dass der Widerstand gegen Glawischnig zu einem guten Teil auch frauenfeindliche Züge trägt. "Wie gendert man das Wort ,Funzn' eigentlich richtig?", fragt launig ein User, und ein anderer schreibt: "Diese Mitzi bringt sogar noch die Grünen um." - "Einfrauenparteiendiktatur", "Hühner-Getto", "GrünInnen", "Es wäre auch wieder einmal ein Mann gefragt" - hier wird tatsächlich kein Klischee ausgelassen.

Doch wahrscheinlich ist auch das ein Teil der Normalität, in der die Grünen längst an gelangt sind.

Aufgerufen am 24.09.2018 um 07:33 auf https://www.sn.at/kolumne/kollers-klartext/wenn-alle-wuensche-in-erfuellung-gehen-599014

Schlagzeilen