Die mystischen Wächterinnen auf dem Salzburger Neutor

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Kulturklauberin Daniele Pabinger

Wie einzigartig die Felsenarchitektur des Neutors ist, geht im Alltag leicht unter. Die Verkehrsberuhigung vor dem spätbarocken Bauwerk ist überfällig. Altstadtseitig zieren das Portal zwei Frauenköpfe mit Schlangenhaar. Passanten und Autofahrer müssen schon den Blick heben, um die marmornen Medusenhäupter genauer anzuschauen. Sie faszinieren gerade an diesem Standort - und sind von beeindruckender Qualität. Melancholisch wirken die beiden klassisch Schönen.

Nach der griechischen Mythologie war Medusa eine Schönheit, der Männer und Götter erlagen. Der Gott Poseidon nahm sie auf dem Altar der Pallas Athene mit Gewalt. Die eifersüchtige Göttin verwandelte daraufhin Medusa in ein Ungeheuer mit Schlangenhaar. Wer sie anschaute, wurde versteinert. Erst der Held Perseus konnte sie bezwingen, indem er ihr einen Spiegel vorhielt und sie enthauptete.

Zahllose Medusenhäupter ziehen sich durch die Kultur-geschichte, längst ist sie in der Bildtradition zur Femme fatale geworden. Aktuell zeigt das Kunsthistorische Museum in Wien die Medusa des italienischen Künstlers Gian Lorenzo Bernini. Das Werk stammt aus 1638-1640. Die zwei Salzburger Medusen auf dem Neutor entstanden gut 130 Jahre später.

Der Tunnel wurde zwischen 1764 und 1766 unter der Leitung von Johann Elias von Geyer durch den Mönchsberg geschlagen. Auftraggeber war Erzbischof Siegmund Christoph Graf von Schrattenbach (auch Sigismund III. genannt). Aus diesem Grund heißt das Neutor offiziell auch Siegmundstor - in dieser Schreibweise steht es auf steinernen Tafeln auf den Portalen. Für die Portalgestaltung waren der Architekt Wolfgang Hagenauer und der Bildhauer Johann Baptist Hagenauer zuständig. Die Brüder schufen auch die Mariensäule auf dem Domplatz.

Aber warum Medusen auf dem Neutorportal? Johann Baptist Hagenauer (1732-1810) hatte in Italien studiert. Das inspirierte ihn wohl zu klassizistischeren Formen. Medusenhäupter dienten als Abwehrzauber, als Schutz vor Unheil und dem bösen Blick. Ihre Rolle in Salzburg ist am ehesten mit der von Wächterinnen zu erklären.

Aufgerufen am 22.11.2019 um 03:43 auf https://www.sn.at/kolumne/kulturklauberin/die-mystischen-waechterinnen-auf-dem-salzburger-neutor-78746689

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