Keine Hoch-Zeiten und ein Scheidungsfall

Die EU hetzt seit Jahren von Krise zu Krise. Daran muss sie aber nicht zerbrechen. Ein Resümee zum Abschied aus Brüssel.

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Schwischeis EU-Check Stephanie Pack-Homolka

Manchmal ist es ein Geruch, der an einen bestimmten Lebensabschnitt erinnert. Manchmal ist es ein Lied, eine einzelne Textzeile und manchmal sogar ein Fluch - in diesem Fall ein chinesischer: Mögest du in aufregenden Zeiten leben. Der Satz fiel in Unterhaltungen in den vergangenen drei Jahren als Korrespondentin in Brüssel beinahe so oft wie die zweckoptimistische und beinahe fatalistische Formel, die EU gehe immer gestärkt aus Krisen hervor.

Krisen gab es in den vergangenen drei Jahren genug, und die Zeiten, in denen wir leben, sind zweifelsohne aufregend - ganz im Sinne einer Verwünschung nicht immer in positiver Weise. Aber ändert das die EU nachhaltig? Gefährdet sie das gar in ihrem Bestehen?

Ja und nein. Europa hat immer Krisen und Umbrüche erlebt. Ganz abgesehen von kriegerischen Auseinandersetzungen auch in dieser friedlichen Union, wie sie seit fast sechzig Jahren besteht. Und auch die aktuellen Probleme werden die EU verändern. Ob sie daran wachsen oder zerbrechen wird, ist weder einer Verwünschung noch dem Schicksal geschuldet, sondern dem Tun und Lassen ihrer Akteure.

Die EU-Kommission ist einer davon. Statt wie erhofft als strategischer Erneuerer fungiert sie seit der Amtsübernahme notgedrungen als anlassbezogener Krisenmanager. Die Liste an Problemen der vergangenen Jahre ist lang und bekannt: Griechenlands Schuldenkrise, Auseinandersetzungen mit Russland und der Konflikt in der Ukraine, Bürgerkrieg in Syrien, Flüchtlingskrise, IS-Terror in Nahost und Europa und zuletzt das negative Referendum in Großbritannien.

Die EU muss auf all das gleichzeitig reagieren, sich anpassen und Schlüsse für ihre Weiterentwicklung ziehen. Aus Sicht der EU-Kommission ist die Konsequenz mehr Zusammenarbeit auf europäischer Ebene. Nicht alle Mitgliedsstaaten sind dieser Meinung. Es gibt eine Tendenz zu nationalem Egoismus. Das zeigte sich in den vergangenen Jahren in der Flüchtlingskrise, aber auch im Ergebnis des britischen Referendums.

Geht die Zusammenarbeit in dieser Union in die Richtung, in die wir wollen? Geht sie weit genug oder vielleicht zu weit? Konzentrieren wir uns auf die falschen Dinge? Die Briten haben diese Fragen für sich mit dem Referendum beantwortet. Die übrigen 27 Länder starten derzeit in die Diskussion, wie die gemeinsame Zukunft ihrer Union aussehen soll.

In welche Richtung es gehen wird, hängt davon ab, wie ernsthaft und mit wie viel Weitblick die Debatte geführt wird. Was gewiss ist: Die EU wird sich ändern - wie so oft in ihrem Bestehen. Ob sie zerbricht? Dieser Prophezeiung würde sie nicht zum ersten Mal trotzen. Und Totgesagte leben bekanntlich länger.

Aufgerufen am 22.09.2018 um 01:06 auf https://www.sn.at/kolumne/schwischeis-eu-check/keine-hoch-zeiten-und-ein-scheidungsfall-1022494

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