Von kleinen Flitzern und Billion Dollar Babies

Fledermäuse sind effiziente Fressmaschinen - und sie regen Bauern zu lukrativen Geschäftsmodellen an.

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Sollten Sie heute in der Dämmerung Fledermäuse durch Ihren Garten flitzen sehen, dann schätzen Sie sich glücklich! Dann haben Sie nämlich eine biologische Waffe daheim. Über die phänomenale Wirkung von Fledermäusen ist in diesen Tagen viel in US-amerikanischen Medien zu lesen. Beeindruckend sind etwa Geschichten über Yolo. Diese vier Buchstaben sind vielen als Abkürzung für You only live once bekannt. Yolo ist aber auch eine Gemeinde in Nordkalifornien. Wenn Sie im Sonnenuntergang den Yolo Causeway entlangfahren, dann spielen sich über dem Schwemmland atemberaubende Szenen ab. Mehr als 250.000 Fledermäuse schwärmen dann aus, um ihr Nachtwerk zu verrichten. Der Reisbauer Mike DeWit nennt sie liebevoll Batnados. "Dank ihnen habe ich keine Probleme mit Insekten", sagt er. Denn jeder dieser Fluginsektensauger frisst in einer Nacht die Hälfte ihres eigenen Körpergewichts. Auch in den benachbarten Obstgärten leisten die Kleinen große Arbeit. Laut einer wissenschaftlichen Untersuchung erspart sich ein Walnussbauer in Yolo für jede einzelne Fledermaus in seinem Garten 10 Dollar pro Jahr, die er sonst in Pestizide investieren müsste. Josiah Maine und Justin Boyles von der Southern Illinois University in Carbondale haben wiederum berechnet, dass Fledermäuse für Maisbauern weltweit einen ökonomischen Nutzen von jährlich mehr als einer Milliarde Dollar bewirken. Aber auch dem Einsatz dieser Billion Dollar Babies sind Grenzen gesetzt. Ihr Nutzen reicht maximal bis zur Eindämmung von Taubenplagen. Die in Mittel- und Südamerika beheimatete Art Vampyrum spectrum frisst nämlich nicht nur Nagetiere - sondern auch Vögel bis zur Größe von Tauben. Selbst gefressen werden Fledermäuse übrigens von Katzen, Käuzen, Mardern und Waschbären - von Menschen eher nicht. Das müssen wir an dieser Stelle betonen, weil die Teufelsküche schon einmal massiv von Fledermaus-Freunden beschimpft wurde. Wir haben vor Jahren unkommentiert das Gericht Geschmorte Fledermaus erwähnt. Dabei handelt es sich aber um keine Fledermaus, sondern um ein zähes Stück Rindfleisch vom Beckenknochen, das gekocht und geschnitten nur an eine solche erinnert. Heute haben wir für dieses Missverständnis Verständnis. Heute trinken Gourmets auch Kaffee, der aus Bohnen gemahlen wird, die zuvor von Meerkatzen verdaut und ausgeschieden wurden. Gourmets schlürfen auch Quallen und knabbern Insekten. Wie viele dieser Gourmets Mike DeWit benötigen würde, um seine Reisernte vor Schädlingen zu sichern, das muss erst berechnet werden. Ein Vorteil läge aber schon bar auf der Hand: Gourmets bezahlen im Gegensatz zu Fledermäusen viel Geld, um Insekten überhaupt essen zu dürfen.

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Aufgerufen am 18.09.2018 um 03:53 auf https://www.sn.at/kolumne/teufelskueche/von-kleinen-flitzern-und-billion-dollar-babies-39290932