Leben

Dr. Grüner Daumen heilt viele Wunden

Unter "Green Care" versteht man die Interaktion zwischen Mensch, Tier und Natur. Das steigert körperliches und seelisches Wohlbefinden und macht Bauernhöfe zu Gesundheits- und Pflegeorten.

Die Gartentherapie hilft Menschen aller Altersgruppen mit unterschiedlichen Erkrankungen. SN/Halfpoint - stock.adobe.com
Die Gartentherapie hilft Menschen aller Altersgruppen mit unterschiedlichen Erkrankungen.

Der Volksmund weiß es schon lang und schickt den Kranken mit einem Sprichwort ins Grüne: "Der kürzeste Weg zur Gesundheit ist der Weg in den Garten."

Eine andere Volksweisheit muss heute aber erweitert werden: Dass der Garten die Apotheke des armen Mannes ist, greift mittlerweile zu kurz: "Green Care" in Form von Interaktionen zwischen Mensch, Tier und Natur ist Apotheke, Therapie- und Betreuungsort für viele Zielgruppen zugleich geworden. Sowohl bei der Betreuung von Kindern und Jugendlichen, psychosomatisch und psychiatrisch Erkrankten, geriatrisch oder demenziell veränderten Menschen als auch bei der Rehabilitation Suchtkranker verzeichnet die Gartentherapie große Erfolge. An der Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik in Wien wird österreichweit einzigartig ein Universitätslehrgang Gartentherapie angeboten, in dem der zielgerichtete Einsatz der Natur zur Steigerung des psychischen und physischen Wohlbefindens der Menschen unterrichtet wird.

Weites Spektrum von Green Care

"Wenn auf einem Bauernhof Kinder mit Tieren und durch die Natur lernen, Menschen mit Behinderung bei der Arbeit Anerkennung und Wertschätzung erfahren oder ältere, an Demenz erkrankte Menschen beim Garteln vergessen, dass sie vergessen, dann ist das Green Care." So erklärt Nicole Prop, Geschäftsführerin des Vereins Green Care Österreich, im Gespräch mit den SN das weite Spektrum Grüner Pflege.

"Pflege am Bauernhof soll so bekannt werden wie Urlaub am Bauernhof." Nicole Prop, Green Care Österreich

Prop stammt aus den Niederlanden, wo Green Care so wie in Norwegen bereits lang in der Land- und Forstwirtschaft etabliert ist. Ihre Eltern arbeiteten im Green-Care-Bereich, und als ihre Mutter an Demenz erkrankte, konnte die Familie selbst die positiven Effekte der Grünen Pflege miterleben: "Meine Mutter konnte auf einem Green-Care-Bauernhof noch im Garten mitarbeiten, beim Brotbacken oder im Hofladen helfen und durch diese Betreuung noch drei Jahre länger zu Hause leben."

Geprägt von dieser Erfahrung initiierte Prop vor zehn Jahren ein Green-Care-Pilotprojekt in Österreich; 2015 wurde der Verein Green Care Österreich als Kompetenznetzwerk gegründet, dem alle neun Landwirtschaftskammern angehören. Das Motto "Green Care - Wo Menschen aufblühen" steht dabei sowohl für die Menschen, die diese Grüne Pflege in Anspruch nehmen, als auch für die Bäuerinnen, Bauern und ihre Betriebe.

Schaffung von Arbeits- und Betreuungsplätzen

"Die Verwirklichung unseres Green-Care-Projekts auf unserem Hof ist eine Win-win-win-Situation", beschreibt Eva Hieret, Bäuerin am Dreierhof und tiergestützte Pädagogin ihres zertifizierten Green-Care-Betriebs im niederösterreichischen Maria Anzbach, die Vorteile: "Wir als Betrieb profitieren davon, altgediente Strukturen wieder aufleben zu lassen, der Sozialträger profitiert durch Imagegewinn und die Klientinnen und Klienten profitieren durch sinnvolle Beschäftigung in einer heilsamen Umgebung."

Viele Bäuerinnen hätten eine pädagogische Ausbildung oder Erfahrungen im Pflegebereich, sagt Prop, und könnten mit der Etablierung als Green-Care-Hof ihr Wissen im Betrieb nutzen. Die "Grüne Arena" zu bespielen schaffe gleichzeitig Arbeits- und Betreuungsplätze im ländlichen Raum, wo sich Bauernhöfe beispielsweise auch als ideale Orte der ambulanten Betreuung für demenzkranke Menschen etablieren.

Der regelmäßige Kontakt mit den Hoftieren, Aufenthalt und Arbeit im Garten zur Aktivierung aller Sinne und zur Regeneration oder das gemeinsame Zubereiten der Mahlzeiten mit hofeigenen Produkten tragen zu einer positiven Krankheitsbewältigung bei.

55 zertifizierte Betriebe in Österreich

"Damit einher geht eine Diversifizierung des Angebots, indem Land- und Forstbetriebe auch im Gesundheits-, Pflege- und Sozialbereich eine Rolle spielen", sagt Prop. Gleichzeitig betont sie, dass es bezüglich der Qualitätsrichtlinien "keine Extrawürste" für Green-Care-Betriebe gebe, sich diese egal ob bei Infrastrukturmaßnahmen für Barrierefreiheit oder Ausbildungsanforderungen beim Personal "eins zu eins an die gesetzlichen Auflagen halten müssen".

55 der über 100 Green-Care-Betriebe in Österreich sind mit Stand Juli dieses Jahres extern zertifiziert. Einer davon ist der Biobauernhof Gratzgut in Tamsweg, wo auf 1200 Metern Seehöhe Auszeithof-Angebote zur Entschleunigung und Rückbesinnung auf eine gesunde Lebensweise angeboten werden. Landwirtschaftliche Arbeiten gehören dabei genauso zum Seminarprogramm wie Achtsamkeits-, Rückzugs- und Besinnungsmöglichkeiten, um Burnout vorzubeugen und einen besseren Umgang mit Stress zu erlernen.

Als zweite Schiene Grüner Pflege findet am Lungauer Gratzgut auch tiergestützte Intervention mit Kindern und Jugendlichen in schwierigen Lebensphasen statt. So wie am ebenfalls zertifizierten Green-Care-Betrieb Reiterhof Rohrmoser in St. Johann im Pongau.

Ambitionierte Ziele

"Das Besondere an meiner Arbeit mit den Tieren ist, dass Tiere nicht werten", erklärt die tiergestützte Pädagogin und Bäuerin Conny Rohrmoser. Zwischen Kind und Tier gebe es eine besondere Chemie. "Kinder bringen oft eine Vielzahl an Problemen, Verzögerungen und Diagnosen mit auf den Hof - den Tieren ist das egal. Die Kinder genießen diesen neutralen Zugang und haben eine große Motivation, mit den Tieren zu arbeiten."

Noch sei Green Care in Österreich ein Nischenthema, sagt Prop. Geprägt und motiviert von ihrer eigenen Familiengeschichte hat sie aber ihr ambitioniertes Ziel klar definiert: So bekannt und angenommen wie "Urlaub am Bauernhof" ist, soll auch "Pflege am Bauernhof" einmal werden.

Weitere Infos:
www.greencare-oe.at
www.haup.ac.at

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