Österreich

Notre-Dame - für die meisten Kulturgüter in Österreich gibt es bei einer Katastrophe keinen Notfallplan

Ob Kirchen, Museen oder Bibliotheken: Viele Kunstschätze sind in denkmalgeschützten Gebäuden untergebracht, die über keinen ausreichenden Brandschutz verfügen. Nicht nur die Feuerwehr kritisiert die unbefriedigende Situation, auch eine Wissenschafterin, die sich mit Kulturgüterschutz beschäftigt, schlägt Alarm.

Österreichs Bundesfeuerwehrkommandant Albert Kern bringt es auf den Punkt: "Beim Brandschutz gibt es noch Bedarf. Man sollte aus Sicht des abwehrenden Brandschutzes einiges nachjustieren." Der oberste Feuerwehrmann kritisiert, dass in den meisten Kirchen zu wenige Schutzmaßnahmen vorhanden seien. "Zumindest eine Brandmeldeanlage wäre in jedem Objekt machbar", sagt Kern. Andererseits handle es sich bei Kirchen durchwegs um historische Gebäude, bei denen baulich wenig möglich sei. Und selbst vorhandene Schutzeinrichtungen würden zumeist nicht entsprechend gewartet - "oft verludern die Dinge und sind nicht mehr am Stand der Zeit".

Anna Kaiser, Wissenschafterin an der Donau-Universität Krems SN/duk/reischer
Anna Kaiser, Wissenschafterin an der Donau-Universität Krems

Eine ähnliche Erfahrung hat Anna Kaiser, Projektleiterin für Kulturgüterschutz an der Donau-Universität Krems, gemacht: "80 bis 90 Prozent der Institutionen haben keine Notfallpläne für Kulturgüter." Es gebe für Museen, Bibliotheken oder kirchliche Einrichtungen keine verbindlichen Vorschriften seitens des Ministeriums, wie im Katastrophenfall Kunstschätze zu evakuieren sind. Warum das so ist? Kaiser versteht die Mentalität des Augenverschließens nicht: "Es ist bislang nichts passiert und wird schon nichts passieren." Der Wissenschafterin zufolge genügten im Notfall einige relativ einfachen Maßnahmen. Beispielsweise könnte durch Brandmeldeanlagen Feuer so rechtzeitig eingedämmt werden, dass zwei Drittel der Kulturgüter gerettet werden könnten.

Studenten lernen, wie man Kulturgüter rettet

Kaiser lehrt die Studierenden in Krems, wie der Klimawandel (Starkregen, Hochwasser, Feuer durch Dürre) unsere Kulturgüter bedroht und wie vorbereitende Maßnahmen zum Schutz getroffen werden können. Der Lehrgang richtet sich an Museumsbedienstete, Architekten, Kunsthistoriker, Sicherheitsbeauftragte, Restauratoren und Einsatzkräfte. Die Studenten lernen, wie man Notfallplanungen und Gefährdungsanalysen erstellt und auch über Krisenstabsarbeit. Kaiser zufolge existieren Notfallpläne in den meisten Fällen nur auf Eigeninitiative. Beispielsweise habe das Kusthistorische Museum einen eigenen Verein der Selbsthilfe ins Leben gerufen. "Es wurde ein Notfallverbund österreichischer Museen und Bibliotheken gegründet. Sollte etwas passieren, unterstützen sich die Mitglieder gegenseitig mit Personal, Material und Gerät", erklärt Kaiser.

Fast nur Holzdachstühle in Kirchen

Von den rund 10.000 Kirchen in Österreich haben fast alle Holzdachstühle. Nur die wenigsten verfügen über Brandmelder oder Brandschutzmauern. "Brandmeldeanlagen auf Kirchendachböden sind aus Gründen des Denkmalschutzes schwierig zu installieren. Neben dem enormen Aufwand ist es auch eine Kostenabwägung", sagt Frater Andreas Remler, Leiter des Bauamtes im Stift Göttweig. Die herrschaftliche Anlage in Niederösterreich hat 18.000 Quadratmeter Dachfläche, das Dach wurde von 2013 bis Herbst 2018 saniert. Das Stift verfügt über Brandschutzpläne, zwei Brandschutzbeauftragte und die Mitarbeiter werden regelmäßig geschult. Und einmal im Jahr führt die Feuerwehr eine Brandschutzübung durch.

Stift Melk in Niederösterreich. SN/apa (archiv)
Stift Melk in Niederösterreich.

Brandmeldeanlagen in denkmalgeschützten Gebäuden sind sehr kostspielig

"Das Problem für auswärtige Feuerwehren ist, sich in einem so großen Gebäude zu orientieren", erklärt Remler. Wie im Stift Melk liegt in Göttweig eine Kulturgüterschutzlaufkarte auf, in der exakt festgeschrieben ist, in welcher Reihenfolge welche Schätze mit welchen Geräten im Notfall zu retten sind.

Vorbildlich ist die Basilika in Maria Zell. Im Zuge der langjährigen Renovierung der Wallfahrtskirche wurde auf allen Dachböden eine vollautomatische Brandmeldeanlage mit Rauchmeldern eingerichtet, der Alarm geht binnen Sekunden direkt bei der Feuerwehrzentrale ein, sagt Superior Michael Staberl. Zudem sei eine fixe Schlauchleitung in den Dachboden und den Mittelturm, in dem sich die Glocke befindet, eingebaut worden. "Die Chance, dass man ein Feuer in der Entstehung erwischt, ist sehr hoch. Und das ist die wichtigste Phase", sagt Pater Staberl, der selbst Feuerwehrmann ist. Freilich hätten Installierung und technische Geräte mehrere 100.000 Euro gekostet und auch die Leitung zur Feuerwehr inklusive Wartung verursache laufende Kosten von 2800 Euro im Jahr.

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