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Notre-Dame - 845 Millionen Euro Spenden, doch wer renoviert die Kathedrale?

Steueranreize für Spenden und ein Architekten-Wettbewerb: Damit will die französische Regierung einen Wiederaufbau der Kathedrale Notre Dame innerhalb von fünf Jahren ermöglichen, wie Premierminister Edouard Philippe am Mittwoch nach einer Kabinettssitzung ankündigte. Die Arbeiten sollen zu den Olympischen Sommerspielen 2024 in Paris beendet sein. Experten halten diese für ehrgeizig.

Präsident Emmanuel Macron hatte am Dienstagabend bei einem Fernsehauftritt versprochen: "Wir werden die Kathedrale noch schöner als zuvor wieder aufbauen, und ich will, dass das in fünf Jahren geschafft ist." Premier Philippe verteidigte das Vorhaben. "Der Wiederaufbau ist kollektive Pflicht", betonte er.

Bei einem von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron anberaumten Treffen zum Wiederaufbau haben mehrere Teilnehmer einen Zeitplan von fünf Jahren als "machbar" eingeschätzt. "Fünf Jahre bis zur Wiedereröffnung von Notre-Dame ist absolut plausibel", sagte etwa der Regierungsbeauftragte für Kulturgüter, Stéphane Bern, nach dem Treffen im Elysée-Palast.

Bei der Zusammenkunft war auch der 70-jährige frühere französische Generalstabschef Jean-Louis Georgelin anwesend, der am Vormittag zum "Mister Wiederaufbau" ernannt worden war.

Altarraum der Notre-Dame vor (26. Juni 2018) und nach dem Großbrand (16. April 2019).  SN/APA/AFP/LUDOVIC MARIN/-
Altarraum der Notre-Dame vor (26. Juni 2018) und nach dem Großbrand (16. April 2019).

Georgelin habe unter anderem eine ausführliche Bestandsaufnahme binnen zwei Monaten und einen Vertreter in allen Ministerien verlangt, sagte Bern. Er sei in den kommenden fünf Jahren dem Präsidenten direkt Rechenschaft schuldig.

An dem hochrangig besetzten Treffen nahmen unter anderem Premierminister Edouard Philippe, Wirtschaftsminister Bruno Le Maire, Außenminister Yves Le Drian, Innenminister Christophe Castaner, Kulturminister Franck Riester sowie die Unesco-Chefin Audrey Azoulay, der Pariser Erzbischof Michel Aupetit und der Chef der nationalen Denkmalbehörde, Philippe Bélaval, teil.

Das Innere der Kathedrale am 26. Juni 2018 und am 16. April 2019. SN/APA/AFP/LUDOVIC MARIN/-
Das Innere der Kathedrale am 26. Juni 2018 und am 16. April 2019.

In der berühmten Pariser Kathedrale Notre-Dame war am Montagabend im Dachstuhl ein Feuer ausgebrochen, das sich rasend schnell über das gesamte Dach ausbreitete. Rund 400 Feuerwehrleute waren die gesamte Nacht über im Einsatz, erst am Dienstagmorgen waren die Flammen vollständig gelöscht.

In ganz Frankreich läuteten am Mittwoch um 18.50 Uhr die Glocken der Kathedralen - also genau 48 Stunden, nachdem das Feuer im Dachstuhl entdeckt worden war. Auch im Übersee-Département Réunion im indischen Ozean läuteten die Glocken der Kathedrale Saint-Denis im gleichnamigen Ort unter dem Applaus der Passanten.

Präsident Macron hatte am Dienstagabend bei einem Fernsehauftritt versprochen: "Wir werden die Kathedrale noch schöner als zuvor wieder aufbauen, und ich will, dass das in fünf Jahren geschafft ist." Experten halten dieses Ziel für ehrgeizig. Eine Vorstellung über die Gesamtkosten hat die Regierung nach Angaben Philippes noch nicht. Bisher wurden Privatspenden von rund 845 Millionen Euro zugesagt.

Der Premierminister kündigte einen internationalen Architekten-Wettbewerb für die Instandsetzung der gut 850 Jahre alten Kathedrale an. Dabei soll es um die Neugestaltung des Spitzturms gehen. Der mehr als 90 Meter hohe Turm war bei dem Brand am Montagabend eingestürzt.

Die Frage sei, ob er nach dem historischen Vorbild wiederaufgebaut werde oder "den Techniken und Herausforderungen unserer Epoche angemessen", sagte der Premierminister. Im Gespräch ist zudem, den abgebrannten hölzernen Dachstuhl von Notre-Dame durch eine feuerbeständige Stahlkonstruktion zu ersetzen wie bei der Kathedrale in Reims.

Die Regierung will den Wiederaufbau zudem mit steuerlichen Anreizen fördern: Privatleute sollen Spenden bis zu 1.000 Euro künftig zu 75 Prozent absetzen können - darüber hinaus liegt der Satz weiter bei den bisher gültigen 66 Prozent. Unternehmen können ihre Spenden nach wie vor zu 60 Prozent geltend machen.

Bisher sind Spenden von rund 845 Millionen Euro zugesagt, bald könnte die Marke von einer Milliarde Euro überschritten werden. Zum Vergleich: Der Wiederaufbau der Frauenkirche in Dresden kostete 183 Millionen Euro, der Neubau der Elbphilharmonie in Hamburg rund 800 Millionen Euro. Eine Vorstellung über die Gesamtkosten hat die Regierung nach Angaben Philippes noch nicht.

Ein staatliches Spenden-Komitee unter Leitung des Rechnungshofs-Präsidenten soll nach Worten des Regierungschefs zudem sicherstellen, dass es keinen Missbrauch gibt: "Jeder Euro wird dem Wiederaufbau dienen, nicht anderen Dingen", sagte Philippe.

Um die Spenden ist in Frankreich eine erregte Debatte entbrannt: Der Chef der mächtigen Gewerkschaft CGT, Philippe Martinez, kritisierte die Großspenden durch die Milliardärsfamilien Arnault und Pinault, die 200 beziehungsweise 100 Millionen Euro zugesagt hatten. Dies verdeutliche die "Ungleichheit in diesem Land", sagte Martinez.

Kritik wurde auch von Vertretern der "Gelbwesten" laut, die seit fünf Monaten für mehr soziale Gerechtigkeit demonstrieren. "Das gute Gewissen kaschiert nicht das Elend und die Sparpolitik" unter Präsident Macron, schrieb der Aktivist Benjamin Cauchy auf Twitter. Der Arbeitgeberverband Medef nannte es dagegen "lächerlich, alte Steine gegen Menschen aufzurechnen, da diese Steine immerhin die Menschen ernähren".

Nach der Brandkatastrophe hat US-Präsident Donald Trump mit Papst Franziskus telefoniert. Er habe dem Papst wegen des "schrecklichen und zerstörerischen" Feuers das Mitgefühl der Menschen in den USA ausgesprochen und Hilfe von Experten beim Wiederaufbau angeboten, schrieb Trump am Mittwoch auf Twitter.

In ganz Frankreich sollten am Mittwoch um 18.50 Uhr die Glocken der Kathedralen läuten - 48 Stunden, nachdem das Feuer im Dachstuhl entdeckt worden war. Die Stadt Paris ehrt auch die Feuerwehrleute und andere Helfer, die zur Rettung der Kathedrale beigetragen haben. Sie stehen am Donnerstag im Mittelpunkt einer Feierstunde vor dem Rathaus, die um 16.15 Uhr beginnt, wie die Stadtverwaltung ankündigte.

"Die Sicherheitstechnik ist in Frankreich anders als in Deutschland"

In Paris hat SN-Redakteur Helmut Schliesselberger Bauarbeiter Rogerio Oliviera getroffen. Ihn hat er zu den Sicherheitsstandards auf französischen Baustellen befragt. Oliviera, der in der Schweiz oder in Deutschland gearbeitet hat, ist bei seiner Antwort durchaus kritisch. Ohne die Beteiligten oder die Gegebenheiten auf Notre-Dame zu kennen, sagt er, dass generell so viel wie möglich gespart werde. Wohl auch an der Sicherheit und bei der Wartung der Arbeitsmaschinen.

Außerdem haben sich die SN live in Paris einen Überblick über die Medienlandschaft verschafft:

Quelle: Apa/Dpa/Ag.

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Aufgerufen am 18.06.2019 um 04:46 auf https://www.sn.at/panorama/international/notre-dame-845-millionen-euro-spenden-doch-wer-renoviert-die-kathedrale-68850403

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