Der ''Jedermann'' von 1632

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Ein Jedermann auf dem Grabstein des Kaplans Johannes Serlinger († um 1511) auf dem Friedhof von St. Peter in der Altstadt der Stadt Salzburg.

Der Jedermann von 1632 zeigte zum ersten Mal die Geschichte vom Leben und dem Tod des reichen Mannes, ein Spiel, das 300 Jahre später als Jedermann in verschiedenen Spielvarianten im Raum Salzburg aufgeführt wird.

Der Jedermann von 1632

Wenn der Beginn der Salzburger "Jedermann"-Tradition mit dem 22. August 1920 gefeiert wird, ist dies nur zum Teil richtig. Lange vor Alexander Moissi, dem (ersten) Hauptdarsteller am 22. August 1920, hatte Salzburg einen Schauspielstar als Jedermann. Er hieß Wolfgang Braumüller, der ein derartiges Schauspieltalent besaß, dass er ein halbes Jahrhundert in fast jedem Theaterstück mitspielte. Wenn er vor allerhöchsten Gästen auftrat, wie Fürsterzbischof Paris Graf von Lodron oder Kaiser Leopold I., wurde er mit sogenannten Gnadengeldern[1] überhäuft. Am 8. November 1632 spielte Wolfgang Braumüller die Titelrolle in einem für Salzburg geschriebenen "Jedermann".

Dies schildert Christoph Brandhuber, Leiter des Archivs der Universitätsbibliothek Salzburg, die den lateinischen Originaltext verwahrt. Es ist eines der frühen von rund 600 bekannten an der Benediktineruniversität aufgeführten Stücke. Deren Theater in der Großen Aula muss grandios gewesen sein - ab 1661 mit Walzenwerk, Hebezügen und Flugmaschine, mit hoher Kultur an Sprache, Musik und Tanz.

Einen Hinweis auf die weitum strahlende Theaterkultur von 1617 bis 1778 gab die Musikausstellung im Sommer 2020, die im DomQuartier zu sehen war, die ein Augsburger Modell eines Barocktheaters und eine kleine Guckkastenbühne zeigt - beide aus dem 18. Jahrhundert. Doch für das Salzburger Universitätstheater der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts gibt es fast keine Anhaltspunkte - keinen Stich, keine Skizze, kein Modell. Nur einige Stücke sind erhalten, wie "Anastasius", das mit fünf Akten und 80 Rollen opulent gewesen ist.

Zudem basiert das mit Gründung des Gymnasiums 1617 einsetzende Universitätstheater auf der Theatertradition der Lateinschulen von Dom und St. Peter. Christoph Brandhuber zufolge wurde übrigens bereits 1568 mit "Hecastus" von Georgius Macropedius in St. Peter ebenfalls ein Jedermann-Stück aufgeführt.

Erst vor etwa fünfzehn Jahren (um 2005) hat der Altphilologe Franz Witek in einem Sammelband den barocken Jedermann entdeckt, der sich unter dem Titel "Anastasius" (griechisch: der Auferstandene) verborgen hat. Der Stoff ist derselbe, wie ihn fast 300 Jahre später Hugo von Hofmannsthal verarbeitet hat: Die verschwenderische Titelfigur lebe in den Tag hinein und trotze guten Ratschlägen, schildert Christoph Brandhuber. "Anastasius und seine Gefährten schmausen ziemlich üppig" und sängen italienische Lieder. Auch in diese Tischgesellschaft platzt der Tod.

Dessen Auftrittstext zeige "die Liebe zur lateinischen Sprache", hebt Christoph Brandhuber hervor - alles in Jamben. Dabei komme das endlose Völlern, Zechen und Schlafen im lautmalerischen Latein der Zeile "edunt, bibunt, ludunt, canunt, et dormiunt" aparter zum Ausdruck als im Deutschen. Anastasius pfeift auf die Mahnungen des Todes. Auch er frönt der erotischen Liebe, allerdings erscheint statt der Buhlschaft ein Cupido. Und nicht nur ein, sondern ein Rudel von Teufeln beschließt seinen Untergang.

Auf das schauspielerische Können Wolfgang Braumüllers schließt Christoph Brandhuber nicht nur von der Vielzahl seiner Auftritte. Er sei sogar Pedell geworden, habe also eine universitäre Anstellung bekommen - allein dank seiner Schauspielkunst und seiner schönen Schrift. "Noch im Alter von 82 Jahren stand er auf der Bühne." Wenige Monate später sei er gestorben und im Sacellum begraben worden. Dies entnimmt Brandhuber dem Begräbnisbuch, denn keine Inschrift erinnert an den ersten namentlich bekannten Salzburger Jedermann.

Dass der brillieren konnte, lag auch am Text. Diesen verfasste der Pater comicus Thomas Weiss, der zudem Poetik, Rhetorik und Mathematik unterrichtete. Das ruhmreichste von dessen Stücken war "Ecclesia Salisburgensis", ein Historiendrama zur Domweihe 1628.

1632 ist ein erstaunliches Jahr für ein neues, großes Theater: mitten im Dreißigjährigen Krieg. Salzburg blieb dank der Politik Fürsterzbischof Paris Lodrons so friedlich, dass ungestört und ausgiebig Theater gespielt werden konnte. Zudem suchten hier die Wittelsbacher Schutz vor schwedischen Truppen. Dabei hätten sie das Altöttinger Gnadenbild mitgenommen, erzählt Brandhuber. Dieses sei in der Franziskanerkirche zur Verehrung aufgestellt worden und habe die Marienfrömmigkeit befördert. Das macht sich im "Anastasius" bemerkbar: Jedermann wird dank Marias Fürsprache gerettet, und der Schlusschor preist die Jungfrau von Altötting.

Das fügt sich zu Max Reinhardts "Jedermann"-Inszenierung: Auch hier stirbt Jedermann mit Blick auf die Mariensäule. Zudem bezeugt der barocke "Jedermann", wie nahe Salzburger Festspiele, Universität Salzburg und das fürsterzbischöfliche Salzburg einander sind.

Auftritt des Todes in "Anastasius", 2. Szene, 3. Akt

Lateinisch
O spes inanes et vanas mortalium!
Vitae momenta mecum dividant suae,
Sperare vitam audent etiam longissimam.
Edunt, bibunt, ludunt, canunt, et dormiunt.
Exemplar istorum hic sedet.
Heus tu quousque mortis vives immemor?
Reges et rusticos, servos et nobiles
Eodem tondeo pectine.
Bonum speras finem, boni quem vix habent!
Nemo iocatur, semper cui saxum imminet.
Deutsch
Wie trügerisch und leer der Menschen Hoffnung ist!
Um ihres Lebens Augenblicke feilschen sie mit mir,
Erhoffen keck ein Leben endlos lang,
Und fressen, saufen, spielen, singen, schlafen nur.
Ein wahres Musterbild dafür sitzt hier vor mir.
He du, wie lang willst du's treiben und denkst nicht an den Tod?
Könige und Bauern, Herren und Knecht'
Scher' ich übern gleichen Kamm.
Ein selig' Ende erhoffst du, das kaum ein Guter hat!
Kann einer feiern, dessen Haupt der Felssturz droht?

Quelle

Fußnote

  1. Das Gnadengeld war eine frühere regelmäßige Zahlung, ohne dass der Empfänger einen Rechtsanspruch darauf hat. Quelle [Das Gnadengeld war eine frühere regelmäßige Zahlung, ohne dass der Empfänger einen Rechtsanspruch darauf hat.]
Die Geschichte der Salzburger Festspiele