Almwirtschaft im Pinzgau um 1935

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Fleckviehkuh auf der Kallbrunnalm. In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts grasten im Pinzgau vorwiegend Pinzgauer Rinder
Melkkühe der Pinzgauer Rinderrasse auf der Kallbrunnalm

Historische Almwirtschaft im Pinzgau um 1935. Betriebsformen, Almgebäude, Wegverhältnisse und Zusammensetzung des Almpersonals um das Jahr 1935 machen den umfassenden Wandel zur Almwirtschaft der Gegenwart deutlich. Nachfolgend eine Schilderung nach einer Studie von Ing. Franz Keidel, geschrieben im Jahr 1935.

Allgemeines

Im Pinzgau muss wegen der unterschiedlichen Bedingungen und Betriebsgrößen zwischen den Betrieben in den Tauerntälern, in der Grauwackenzone und in der Kalkzone unterschieden werden.

Betriebsgrößen

Almböden im Ferleitental in der Tauernzone
Hohe Tauern

Im Gebiet der Hohen Tauern besteht um 1935 – ausgenommen im Krimmler Achental, wo hauptsächlich Almbetriebe mit zehn bis 16 Kühen zu finden sind, eine auffallend große Anzahl von Einzelalmen mit 20 bis 60 Kühen und darüber. Aufgrund der großen Almgebiete werden die Kühe auf den besten, den Almgebäuden nahe gelegenen Weiden gealpt, Jungrinder und Pferde in den Karen gehalten und Schafe und Ziegen beweiden die hohen steilen Hänge, die von Rindern nicht mehr begangen werden können.

Pinzgauer Grasberge
Almböden der Pinzgauer Grasberge in der Grauwackenzone

In der Grauwackenzone, auch als Schieferzone bekannt, ist die Anzahl der größeren Sennalmen und jene der gemischt besetzten Almen um einiges geringer. Im Gegensatz zu den Almbetrieben in den Tauerntälern stehen hier um 1935 die reinen Sennalmen mit Kühen und einigen Kälbern und Ziegen und die Jungviehalmen im Vordergrund. Auf den Sennalmen der Grauwackenzone werden zwischen zehn und 40 Kühe gealpt.

Kalkalpen
Die Kallbrunnalm, eine der großen Gemeinschaftsalmen in der Kalkzone

In der Kalkzone herrschen Mittel- und Kleinbetriebe vor. Einzelbetriebe halten fünf bis zwölf Kühe auf den Gemeinschaftsalmen. „Jungvieh wird in Waldungen getrieben oder auch auf Almen in Hinterthal oder gar im Fuscher Tal aufgezinst.“

Almgebäude

Die unterschiedlichen Betriebsgrößen und das Fehlen von Holz auf den Hochalmen führten zu unterschiedlichen Bauformen.

Tauerngebiet und Grauwackenzone
Sehr alter Scherm aus Klaubsteinmauern auf der Pfarrachalm in der Hundsteingruppe, die zur Grauwackenzone zählt
Für die Kalkzone typische Kaser mit Schwerdach, hier auf der Kallbrunnalm im Jahr 2011

Hier besteht das Almgebäudeensemble aus

  • 1. der Sennhütte,
  • 2. der Kuhstallung, Kühscherm genannt,
  • 3. dem Ziegenstall und
  • 4. dem Schweinestall.

Im Kar steht der Scherm (ein Stall einfacher Bauart) für das Jungvieh, häufig Galtachscherm genannt. Auf den Almen in der Talsohle bis zur Waldgrenze bestehen die Almgebäude aus Kant- oder Rundholzblockwänden und sind mit Legschindeldächern eingedeckt. Die Hochalmgebäude sind wegen des fehlenden Bauholzes größtenteils aus Klaubsteinmauern in Trockenbauweise (Anm.: ohne Mörtel) erbaut und teilwiese sogar mit Gneisplatten eingedeckt wie beispielsweise auf der Laakarhochalm im Mühlbachtal (Hohe Tauern). In der Sennhütte befinden sich in der Regel folgende Räume:

  • Die Vorhütte mit den zwei offenen Herden, auch Essen genannt. Eine Feuerstelle dient der Zubereitung von Mahlzeiten und der Wassererhitzung, die andere der Käseherstellung.
  • Der Milchkeller.
  • Der Käsekeller.
  • Über diesen Kellern befindet sich der Schlafraum der Almleute in Form eines offenen Dachraumes. Die kurze Nachtruhe wird dort auf einem Heulager zugebracht.

In der Grauwackenzone sind alle Almgebäude mit wenigen Ausnahmen aus Holz errichtet. Auf großen Almen ähnelt ihre Bauart den Almgebäuden in den Tauerntälern. Auf den mittelgroßen und kleinen Almen sind hingegen die Sennhütte und die Kuhstallung unter einem Dach vereint. Der Stall ist meist in Form eines Längsstalles erbaut.

Kalkzone

Hier herrschen die Kaser vor. Hütte und Stall sind ein Gebäude. Die Sennhütte besteht aus drei nebeneinander angeordneten Räumen. Es handelt sich um das Milchstüberl, die Sennküche und das Stübchen der Sennerin. Unter dem Milchstüberl und dem Stübchen der Sennerin befinden sich meist zwei kleine Kellerräume. Der eine steht für die Milch, der andere für die Lagerung der Käselaibe in Verwendung. Die Erdgeschoßräume sind mit Holzböden, die peinlich sauber gehalten werden, ausgestattet. Von der Sennhütte aus betritt man den Stall, der meist als Querstall angeordnet ist. Die Düngerstätten sind meist gezimmert, seltener gemauert.

Wegverhältnisse

Das Bild zeigt einen Kaswagen, mit dem seinerzeit der Pinzgauer Almkäse aus dem Habachtal in das Salzachtal gebracht wurde. Exponat im Museum Bramberg

Geländeformationen und bis zu einem gewissen Grad auch die Besitzverhältnisse bestimmten die Art der Almwege. Die Besitzverhältnisse sind insoferne von Bedeutung, als ein einzelner Besitzer allein weniger in der Lage ist, ein größeres Projekt wie einen Wegbau zu finanzieren, als eine gemeinsam agierende Interessentengruppe.

Tauernzone

Hier sind ausschließlich die Talalmen und einige wenige Hangalmen auf Wegen, die Pferd- und Karrentauglich sind, befahrbar. Auf die Hochalmen führen lediglich Gehsteige und Viehtriebwege.

Grauwackenzone

Hier führen mit Ausnahme der Sonnberge und der Galtviehhochalmen zu den meisten Sennalmen einfache, oft streckenweise steil ansteigende, aber mit Pferd und Karren befahrbare Wege.

Kalkzone

Zu den Plateaualmen in der Kalkzone – ausgenommen die Reitalm – führen durchwegs gute Fahrwege, wie beispielsweise zur Kallbrunnalm, zur Kamerlingalm und zur Litzelalm. Die Lofereralm ist durch einen solchen Fahrweg, der vor dem Ersten Weltkrieg mit Unterstützung des Bundes und des Landes erbaut wurde, erschlossen. Auch die Kammerköhralm und die Wildalm sind mit Roß und Wagen erreichbar. Die Reitalm ist nur auf einem Triebsteig, der ein Stück weit sogar als Felsstiege erbaut ist, versehen.

Kasziehriesen oder Kasziehwege

Sie dienten und dienen dem Transport von Almkäse, der meist in Fässern verpackt auf einem Schlitten auf möglichst geraden, steilen, befahrbaren Almstreifen zu Tal gebracht wird, wodurch die langen Almwege mit ihren zahlreichen Kehren vermieden werden können. Wo solche nicht vorhanden sind, werden die Almprodukte in das Tal getragen. Trainierte Träger beförden Lasten bis zu 100 kg und manchmal noch mehr auf stundenlangen Wegen in das Tal. Hier sind besonders das Krimmler Achental und das Seidlwinkltal zu erwähnen. Aus dem Krimmler Achental werden die Almprodukte über den Krimmler Tauern in das Südtiroler Ahrntal und vom Seidlwinkl teils in das Kärntner Mölltalgetragen.

Milchverarbeitung

Für die historische Milchverarbeitung benötigte Holzgebinde, ausgestellt im Museum Bramberg
Frei laufende Ziegenherde auf der Resterhöhe im Oberpinzgau

Die Art der Milchverarbeitung ist im gesamten Pinzgau fast überall gleich. Die Milch wird zu Butter und zu Schnittkäse verarbeitet. Nur durch die Größenverhältnisse der Sennbetriebe und dem Umstand, dass – ausgenommen im Gerichtsbezirk Saalfelden - auf den Almen sehr viele Ziegen (in der Pinzgauer Mundart als "Graggarach" oder "Graggviech" bezeichnet) gehalten werden, gestaltet sich die Milchverarbeitung unterschiedlich. Im Tauerngebiet – insbesondere im Oberpinzgau – werden auf den meisten Sennalmen gleich viele Ziegen wie Kühe gealpt. Hier werden die abgerahmte Kuhmilch und die Vollmilch der Ziegen zu Schnittkäse verarbeitet. Auf einigen größeren Almen, wie auf der Alm des Finkbauern im Untersulzbachtal wird auch ein Halbemmentaler Käse erzeugt.

Auf den Almen der Grauwackenzone, wo wegen der Waldnähe keine oder nur wenige Ziegen gehalten werden können, werden die abgerahmte Abendmilch und der Großteil der Frühmilch als Vollmilch gemischt verkäst.

Auf den Almen der Kalkzone wird auch Magerkäse hergestellt, wobei die Käselaibe sehr zierlich sind und in der Größe kleineren Brotlaiben ähneln, während die Käselaibe in der Tauern- und in der Grauwackenzone rund 22 bis 24 kg wiegen und in Form und Masse an Mühlsteine erinnern.

Auf manchen Gemeinschaftsalmen bestand ein genossenschaftlicher Sennerei-, bzw. Käsereibetrieb, jedoch sind diese wegen der kurzfristigen Lagerfähigkeit des Käses und wegen der in den 1930er-Jahren auftretenden Wirtschaftskrise wieder eingestellt worden.

Almpersonal

In den großen Sennereibetrieben war und ist meist männliches Personal beschäftigt und daher arbeiten im Tauern- und im Grauwackenbgebiet vorwiegend Senner. Im Oberpinzgau sind teils sogar die Bauern selbst auf der Alm und die Bäuerin führt den Heimhof im Tal mit Hilfe des Gesindes allein. In der Grauwackenzone ist je nach Größe des Betriebes ein Senner oder eine Sennerin tätig. Verallgemeinernd ist zu sagen, dass in Betrieben, in denen bis zu zwölf und höchstens bis zu 15 Kühe gealpt werden, Sennerinnen tätig sind. Sind mehr Kühe zu versorgen, leistet diese Arbeit meist ein Senner. In der Kalkzone ist in den Klein- und Mittelbetrieben in der Regel eine junge Sennerin anzutreffen. Es kann sich um die Tochter des Bauern handeln oder um eine jüngere Magd. Die Gemeinschaftsalmen, auf denen sich eine größere Anzahl von Kasern befindet, sind für diese Betriebsführung geeignet. „Ein meist älterer Mann ist darüber hinaus als gemeinsamer Schwender tätig und zugleich der Helfer, falls im Viehstand eine männliche Hilfe notwendig ist.“

Im Tauerngebiet ist der Senner für das Melken, die Milchverarbeitung und die Herstellung der Mahlzeiten, die Käserei und alle übrigen Arbeiten in der Hütte verantwortlich. Der Kühhüter leitet den Weidegang der Kühe in den oft absturzgefährlichen Almgebieten. Der Galtviehhüter, oft auch „Karer“ genannt, betreut das Jungvieh und die Pferde im Hochkar und führt die Tiere bis zur Felsgrenze heran. Der Ziegenhüter oder Goaßer treibt das „Krackachvieh“, das sind die Ziegen und die Kitze bis hinauf an die Grenzen der Almregion und betreut oft nebenbei auch die Schafe im „Schafbirg“. Er muss flink sein und benötigt Gewandtheit, Furchtlosigkeit und Wetterfestigkeit. Der Kühhüter und der Goaßer haben dem Senner beim Melken der Kühe zu helfen. Der Schwender hält die Almwege und die Triebsteige instand, schwendet die auf Weideflächen anwachsenden Erlen, Latschen (Luttach genannt), Preiselbeersträucher, Almrosen und sonstigen Unkräuter. Weiters gräbt er die Düngerverteilungs- und Wassergräben und klaubt die von Lawinen und Wildbächen angeschwemmten Steine von den Weiden. Er reinigt die Viehtränken, hält die Wasserzuleitungen instand und behebt Schäden an den Zäunen. Aber schon um das Jahr 1935 ist festzustellen, dass die Anzahl dieser Arbeitskräfte abnimmt und daher Verunkrautung und Verwachsung von Almflächen zunehmen.

Die Almleute leben ein von der Umwelt abgeschiedenes Leben und sind sie noch dazu auf einer abgelegenen Alm tätig, so treffen sie nur bei einem Gang in das Tal auf andere Menschen. Ihre Arbeitszeit und Arbeitsleistung ist enorm, der Arbeitstag beginnt nicht selten um drei oder halb vier Uhr in der Früh und endet erst bei Einbruch der Nacht, der in den Sommermonaten erst gegen 21:30 Uhr erfolgt.

Ende des Almsommers

Wo die Almen nicht allzu weit von den Heimhöfen entfernt liegen und während des Sommers kein Unglück geschehen ist, gestaltet sich der Almabtrieb festlich. Vorher sind die Almgebäude zu reinigen, die Almprodukte zu verpacken und die schönsten Kühe und Kalbinnen zu schmücken. Mit Kränzen und mit oft alten hofeigenen Halsglocken, die in verschiedenen Tonlagen klingen, behängt, macht sich das Vieh, begleitet von den Almleuten, auf den Heimweg.

Im Tal finden nun die Viehmärkte und die Viehausstellungen statt. Das Können des Züchters, die Qualität der Alm sowie der Fleiß des Almpersonals entscheiden nun über den Erfolg des Almbauern.

Quelle

  • Franz Keidel: Die Almen und die Almwirtschaft im Pinzgau, im Selbstverlag des Autors, Zell am See, 1936