Gerhart Harrer

Aus Salzburgwiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Gerhart Harrer (* 28. Jänner 1917 in Innsbruck, Tirol; † 24. Dezember 2011 in Salzburg) war Psychiater, leitete die Neurologische Abteilung des Landeskrankenhauses Salzburg, bzw. die Landesnervenklinik, lehrte als Universitätsprofessor für Forensische Psychiatrie an der Juridischen Fakultät der Universität Salzburg und war als Gerichtsgutachter tätig.

Leben

Ausbildung

Gerhart Harrer, Sohn eines in Innsbruck lebenden Ministerialrates, besuchte in seiner Geburtsstadt das humanistische Gymnasium. Er legte 1935 die Reifeprüfung ab und studierte nachfolgend in Wien Medizin. 1940 promovierte er zum Doktor der gesamten Heilkunde.

Seine Berufslaufbahn begann er als Assistent am Hygienischen Institut, bzw. an der Psychiatrischen Universitätsklinik Wien.

Im Juli 1940 erfolgte seine Einberufung zur Luftwaffen-Sanitäts-Ersatzabteilung in Baden bei Wien. Dort war Harrer u.a. als Assistenzarzt in den neurologisch-neurochirurgischen Sonderlazaretten der Professoren Alfred von Auersberg und Wilhelm Tönnis tätig.

Naheverhältnis zum Nationalsozialismus

Bereits 1932 engagierte sich Harrer im NS-Schülerbund. Mit Studienbeginn im Jahr 1935 wurde er Mitglied des NS-Studentenbundes. Ebenfalls im Jahr 1935 trat er der damals noch illegalen SS bei und wurde Mitglied der SS-Standarte 89, deren Mitglieder ein Jahr zuvor beim Juliputsch 1934 das Wiener Bundeskanzleramt besetzt und den Bundeskanzler Engelbert Dollfuß ermordet hatten. Harrer bekam die SS-Nr. 303.067. Im Juli 1940 trat er der NSDAP bei und wurde unter der Nummer 8.121.657 als Parteimitglied registriert. Er war auch Mitglied der SS-Studiengemeinschaft an der Universität Wien. Diese befasste sich u.a. mit Erbbiologie und Rassenhygiene, einem Bereich, der von der NS-Ideologie besonders forciert wurde.

Berufliche Karriere nach 1945

Nach dem Kriegsende konnte sich Harrer im Prozess der Entnazifizierung als minderbelastet gerieren. Der SPÖ-Politiker Josef Weisskind verhalf ihm zum Eintritt in den Bund Sozialistischer Akademiker. Aus der Kopie eines Duplikates der Mitgliederkarte, die am 27. September 1955 ausgestellt wurde, geht hervor, dass Harrer dem BSA-Ärztefachverband zugehörig und beim Fachverband der Wiener BSA-Hochschullehrer Gastmitglied war.

Ab 1947 arbeitete Dr. Gerhart Harrer an der Psychiatrischen Klinik der Universität Innsbruck. 1951 wurde er dort für Neurologie und Psychiatrie habilitiert. Ebenfalls 1951 erfolgte die Berufung zum Primarius der Neurologischen Abteilung des Landeskrankenhauses Salzburg. 1960 erfolgten die Ernennung zum außerordentlichen Universitätsprofessor und die Bestellung zum ärztlichen Leiter der Salzburger Landesnervenklinik. Diese Funktion bekleidete er bis 1984.

In den 1960er-Jahren bewarb sich Harrer um die Nachfolge des Lehrstuhles von Hans Bertha an der Grazer Psychiatrischen Universitätsklinik. Die Universitätsdozenten Gerald Grinschgl, damals Leiter des Labors für Neurovirusinfektionen der Grazer Klinik, und Otto Eichhorn, damals Leiter des Labors für Radioisotope, hatten sich kritisch mit der Person Gerhart Harrer auseinandergesetzt. Dies veranlasste Harrer zur Ankündigung, er würde diese beiden Universitätsdozenten entlassen. Außerdem strengte er gegen sie einen Ehrenbeleidigungsprozess an, in dem der Grazer Neurochirurg Friedrich Heppner und der Bad Ischler Neurologe Kurt Eckel zu seinen Gunsten aussagten. Harrer verlor jedoch den von ihm angestrengten Ehrenbeleidigungsprozess und wurde auch bei der Besetzung des Lehrstuhles in Graz nicht berücksichtigt.

Im Jahr 1971 erhielt er eine ordentliche Professur für Forensische Psychiatrie an der Juridischen Fakultät der Universität Salzburg.

Harrer pflegte auch enge Kontakte zum Arzt Dr. Heinrich Gross, der im Zusammenhang mit der NS-Kindereuthanasie am Spiegelgrund in Wien bekannt wurde (1979 lud Harrer, damals Direktor der Salzburger Landesnervenklinik, Dr. Heinrich Gross zu einer Tagung über „Tötungsdelikte von Geisteskranken“ ein), sowie zum rechtsextremen FPÖ-Politiker Dr. Otto Scrinzi und zum vormaligen NS-Staatsanwalt Friedrich Nowakowski.

Tätigkeit als gerichtlich beeideter Sachverständiger

Univ. Prof. Dr. Gerhart Harrer war laut Liste beim Landesgericht Salzburg Sachverständiger für das Fachgebiet Neurologie und Psychiatrie und wurde als solcher vom Bezirksgericht Salzburg laufend in Unterbringungssachen gutachterlich tätig. In früheren Jahren erstellte er auch Gutachten für das Landesgericht Salzburg und das LG Wels in Oberösterreich.

Dr. Gerhart Harrer verfasste auch Gutachten in sogenannten Opferfürsorgefällen nach dem Opferfürsorgegesetz. Seinem Ermessen und seiner Sichtweise als ehemaligen SS-Arztes und NS-Rassehygienikers war nun die Feststellung, ob bei NS-Opfern verfolgungsbedingte Gesundheitsschäden vorliegen, anheimgestellt.

Bei der Begutachtung des SA-Mitgliedes und Arztes Hans Czermak, der 1949 wegen seiner Beteiligung an Euthanasie-Fällen in der Heil- und Pflegeanstalt Hall in Tirol sowie des Hochverrates angeklagt war, zeigte Harrer als Gutachter großes Verständnis und attestierte Czermak eine „allgemeine Hirnleistungsschwäche“. Czermak wurde dennoch verurteilt und war trotz dieser Diagnose nach seiner Haft noch jahrelang berufstätig.

Als 1990 anlässlich seines 90. Geburtstages auf dem Gelände der Christian-Doppler-Klinik Gerhart Harrer eine Eiche gewidmet und eine Ehrentafel enthüllt wurde, kam es zu einem weiteren öffentlichen Eklat.

Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit

Als Direktor und ärztlicher Leiter der Christian-Doppler-Klinik gab Harrer 1971 folgenden knappen historischen Überblick über die Salzburger Anstalt betreffend die Aktion T4 (NS-Euthanasie):

In den Jahren 1940 bis 1944 wurden durchschnittlich 500 Patienten pro Jahr an dieser Abteilung betreut. Im September 1945 wurde die Abteilung aus äußeren und organisatorischen Gründen aufgelöst.

Erwähnenswertes

Zusammen mit Walther C. M. Simon und Wilhelm Revers gründete Gerhart Harrer 1969 im Rahmen der Herbert-von-Karajan-Stiftung das Forschungsinstitut für experimentelle Musikpsychologie am Psychologischen Institut der Universität Salzburg.

1975 gründete Gerhart Harrer die Zeitschrift FORENSIA – Interdisziplinäre Zeitschrift für Recht, Neurologie, Psychiatrie und Psychologie. Seit der Gründung waren Heinrich Gross, Wilhelm Revers und Udo Jesionek Mitherausgeber.

Gerhart Harrer gehörte auch dem Salzburger Landessanitätsrat an und übte dort seit 1952 die Funktion des ersten Sekretärs aus.

Er war ab 1967 Präsident der Van-Swieten-Gesellschaft.

Harrer war auch Mitglied der Internationalen Paracelsus-Gesellschaft, der er ab 1974 als Präsidenten-Stellvertreter und von 1994 bis 1998 als Präsident vorstand. Seit 2004 war er ihr Ehrenpräsident. Die Tagung der Internationalen Paracelsus-Gesellschaft stand im Jahr 2006 unter dem Motto „Paracelsus und das Reich“.

Wissenschaftliche Tätigkeit

Gerhart Harrer verfasste zahlreiche Fachpublikationen und hielt Vorträge bei Fachtagungen.

Auszeichnungen

Literatur über Gerhart Harrer

  • Wolfgang Neugebauer, Peter Schwarz, Der Wille zum aufrechten Gang, Offenlegung der Rolle des BSA bei der gesellschaftlichen Integration ehemaliger Nationalsozialisten. Hrsg. vom Bund sozialdemokratischer AkademikerInnen, Intellektueller und KünstlerInnen (BSA).
  • Kürschners Deutscher Gelehrtenkalender. Walter de Gruyter, Berlin: 1987.

Weblink

Quellen

Zeitfolge
Vorgänger

N.N.

Direktor der Landesnervenklinik
1960–1984
Nachfolger

Hans Erich Diemath