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Korbinian Birnbacher

Wappen und Wahlspruch

Erzabt Pater Korbinian Birnbacher OSB (* 1967 in Bad Reichenhall, Bayern) ist Benediktiner und der 88. Abt der Benediktiner-Erzabtei St. Peter.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Korbinian Birnbacher trat mit 20 Jahren in die Erzabtei St. Peter ein. Seine ewige Profess, das Ordensgelübde, legte er 1991 ab, drei Jahre später wurde er zum Priester geweiht. Er studierte in Salzburg und Rom und promovierte 1997 im Fach Ordensgeschichte. Nach seiner Rückkehr aus Rom war Pater Korbinian unter anderem als Novizenmeister, Stiftsarchivar, Hochschulpfarrer, Kooperator in Abtenau, Kustos der Kunstsammlungen und ab 1. September 2009 als Prior − und damit Stellvertreter des Abtes bzw. Administrators − tätig.

Am 30. Jänner 2013 wurde er zum 88. Abt von St. Peter gewählt. Er trat sein Amt am 12. April an, die feierliche Abtsweihe (Abtsbenediktion) erfolgte am Nachmittag des 21. April, dem Guthirten-Sonntag. Entgegen dem früheren Brauch, einen Abt bis zu seinem 70. Geburtstag zu wählen, ist Korbinian Birnbacher vorerst einmal auf zwölf Jahre bestellt.

Religionen müssen ihre Grenzen einsehen

In der zweiten Hälfte des Jahres 2015 war die Religion in das Zentrum der politisch Diskussion gerückt. Die SN befragten Vertreter verschiedener Glaubensrichtungen über ihre Vorstellung von der Zukunft. Mit Erzabt Birnbacher sprach Alfred Pfeiffenberger[1].

Warum das christliche Abendland und das muslimische Morgenland keine Gegensätze sein dürfen, erklärt der Erzabt von St. Peter.

SN: Ich habe mich vor einigen Tagen mit einer älteren Frau, einer gläubigen Katholikin, über das Weltgeschehen unterhalten. Und irgendwann hat sie gesagt: „Diese verdammten Religionen, warum verursachen sie immer so ein Chaos!“ Würden Sie dem zustimmen?

Korbinian Birnbacher: Sicher nicht die Religion an sich, sondern der Absolutismus und die Instrumentalisierung gewisser Aspekte von Religion, die aus dem Kontext gerissen und dann missverständlich verwendet werden. Religion ist eigentlich eine Hilfe für ein gutes Miteinander. Keine einzige Religion rechtfertigt Terrorismus und Extremismus im Namen Gottes.

SN: Es existieren religiöse Konflikte rund um die Welt. Die Muslime stehen im Moment im Fokus. Es gibt aber auch radikale Hindus und Buddhisten, die auf Menschen, die anders leben, losgehen. Und es gibt christliche Milizen, die gegen Muslime kämpfen. Da steht die Religion sehr wohl im Vordergrund.

Korbinian Birnbacher: Die Welt ist heute viel kleiner geworden, die Probleme werden für viele Menschen offensichtlich. Es geht um soziale Gerechtigkeit, die Bewahrung der Schöpfung, die Aufrechterhaltung des Friedens. Bisher haben wir im reichen Europa und im reichen Nordamerika auf Kosten der anderen gelebt. Durch die neuen sozialen Medien wissen aber immer mehr Leute, dass sie nicht selbst für ihre Armut verantwortlich sind. Früher haben sie das eher nicht bemerkt und sie hatten auch keine Chance, sich zu artikulieren. Daher gibt es nun viele Konflikte. Gern wird dabei Religion instrumentalisiert.

SN: Viele religiöse Konflikte haben Ihrer Meinung nach also einen sozialen und ökonomischen Hintergrund?

Korbinian Birnbacher: Ja, auf jeden Fall. Es müssen gerechte Strukturen geschaffen werden. Wenn es keine Gerechtigkeit gibt, kann es keinen Frieden geben.

SN: Viele Flüchtlinge, die nach Österreich kommen, sind Muslime. Welches Gefühl haben Sie da als Katholik?

Korbinian Birnbacher: Eigentlich ein sehr gutes. Denn jeder religiöse Mensch, der in seiner Tradition leben will, ist mir lieber als ein Mensch, der von irgendwelchen Ideologien aufgehetzt ist. Die Vielfalt von Kulturen und Religionen macht die Welt bunt und interessant. Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil haben wir akzeptiert, dass die Welt nicht nur aus Katholiken und Ungläubigen besteht, sondern aus einer Vielzahl von gleichberechtigten Kulturen und Religionen, die wir achten sollen.

SN: Trotzdem wird in der politischen Diskussion jetzt wieder der Unterschied zwischen dem christlichen Abendland und dem muslimischen Morgenland bemüht.

Korbinian Birnbacher: Der Begriff des christlichen Abendlandes wird hier instrumentalisiert, um damit den eigenen Egoismus zu rechtfertigen. Christ sein bedeutet teilen und auf andere Menschen zugehen. Jesus hat sich auch in einer etablierten Religion und Kultur durchsetzen müssen, aber er hat es gewaltfrei getan. Christliches Abendland, das sind für mich die Menschen und Gemeinden, die Flüchtlinge aufnehmen, nicht die, die sie ablehnen.

SN: Durch die Zuwanderung von Menschen, die ein vollkommen anders Weltbild haben, steht das Verhältnis von Staat und Religion auf dem Prüfstand.Wie viel Religion verträgt unser Staat?

Korbinian Birnbacher: Ich glaube, jede Religion muss auf dem Boden der demokratischen Werte stehen, die wir uns erkämpft haben – und die beinhalten den Schutz aller Religionen! Voraussetzung ist natürlich, dass sie bereit sind, Kompromisse einzugehen und Toleranz zu üben. Wenn jemand den Anspruch erhebt, besser zu sein, mehr Rechte zu haben – so, als hätte man einen sicheren Eintrag im Grundbuch Gottes –, dann ist das problematisch. Alle Religionen müssen auch ihre Grenzen einsehen. Ich habe vor Kurzem wieder einmal den Film „Don Camillo und Peppone“ gesehen, die Geschichte eines katholischen Pfarrers und eines kommunistischen Bürgermeisters in einem kleinen italienischen Dorf, die einander ideologisch bekämpfen.

Die beiden bleiben aber immer Menschen, die einander respektieren und brauchen, in Wirklichkeit sogar lieben. Das wäre gelebte Toleranz. Heute ist das alles natürlich etwas komplizierter. Und: Was wir derzeit unter Toleranz verstehen, ist eher eine Art Gleichgültigkeit. Ich muss schon von dem, was ich selbst glaube und denke, überzeugt sein. Ich muss aber auch die Größe und den Humor haben, das infrage stellen zu lassen. Das fehlt leider oft.

SN: Was ist für Sie Toleranz?

Korbinian Birnbacher: Es ist das Prinzip und die Größe, einander anzunehmen und dabei zu akzeptieren, dass auch andere das Recht haben, in ihrer Tradition leben zu dürfen. Toleranz schließt aber nicht aus, eine eigene Meinung, eine eigene Überzeugung, ja einen eigenen Glauben zu haben.

SN: Wie wird es Ihrer Meinung nach mit Österreich in den kommenden Jahren weitergehen?

Korbinian Birnbacher: Ich glaube, wir sind auf einem ganz guten Weg. Die Menschen in unserer ängstlichen und abgesicherten Gesellschaft haben durch den Flüchtlingsstrom endlich wieder ein Gespür dafür bekommen, was wirklich wichtig ist im Leben und was es tatsächlich heißt, Mensch zu sein. Meines Erachtens hat die Qualität der (Mit-)Menschlichkeit dadurch in Österreich zugenommen. Darauf dürfen wir hier wirklich stolz sein. Es gibt noch viel Platz bei uns, wir müssen es nur wollen und eben auch tun.

SN: Umfragen zeichnen ein etwas anders Bild. Die Mehrheit der Österreicher plädiert inzwischen für einen Aufnahmestopp von Flüchtlingen.

Korbinian Birnbacher: Wir haben uns zu sehr an unseren Wohlstand gewöhnt und wollen ihn nicht teilen. Ja einige meinen sogar, ihn verteidigen zu können, indem wir uns abschotten. Und nicht wenige glauben, wir würden alles verlieren, wenn wir den zahlreichen Flüchtlingen helfen. Aber das sind für mich Phantom-Ängste. Im Gegenteil: Wir brauchen geradezu die Armen und die Flüchtlinge, um zu erkennen, dass wir nicht an unserem Selbstmitleid und unserer Selbstgerechtigkeit implodieren dürfen. Im Kleinen funktioniert ja auch die Hilfe gut. Massen hingegen verängstigen. Wo aber ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Nur zu sagen, die dürfen nicht rein, reicht mir nicht.

SN: Religion ist wieder mehr ins Zentrum der Diskussion gerückt. Freut Sie das?

Korbinian Birnbacher: Ich finde es positiv, dass man sich über Religion wieder Gedanken macht und nicht mehr über eine Karikatur von Religion. Sicherlich haben wir selbst dazu beigetragen, dass wir lächerlich wurden und letztlich unsere Glaubwürdigkeit verloren haben. Aber eine Gesellschaft kann Religion nicht einfach ausklammern. Eine neutrale Gesellschaft gibt es ebenso wenig, wie es eine weltanschauungsfreie Humanität gibt.

SN: Wäre die Welt ohne Religion nicht besser dran?

Korbinian Birnbacher: Das ist ein großer Unsinn! Den Gegenbeweis müsste man mir erst einmal erbringen. Alle Systeme, die es bisher ohne Gott versucht hatten und sich dabei selbst zu Göttern gemacht haben, sind gescheitert. Humanität ist gerade durch die Religion mit etwas Höherem verbunden, auf das man reflektieren kann; egal,wie man sich dabei Gott in den einzelnen Religionen vorstellt.

SN: Wenn Sie Österreich nach den Regeln des heiligen Benedikt gestalten müssten, was würde sich dann ändern?

Korbinian Birnbacher: Die Regel Benedikts ist sehr offen und verabsolutiert nicht ein geschlossenes System. Benedikt sieht sein Kloster als ganzheitliche Realität, spirituell gefestigt, aber auch im Fluss der Zeit. Deshalb macht er in seiner Regel zwar konkrete Vorschläge, aber er ermutigt auch immer den Abt und seine Brüder dazu, es anders zu machen, wenn sie zur Erkenntnis gelangt sind, dass es anders besser wäre. So konnte benediktinisches Leben durch die Jahrhunderte stets bestehen, sich entfalten und entwickeln. Selbst die beste Verfassung nützt nichts, wenn sie nicht gelebt wird.

Benedikt ist ein großer Realist und spricht vom rechten Maß, von den Schwachen und den Schwächen. Einseitigkeit oder gar Extremismus ist ihm zuwider. Weil er aber ein starkes Identitätsbewusstsein hatte, hat Benedikt große Ehrfurcht vor dem Fremden und dem Neuen. Aus diesem Geist heraus haben Benediktinermönche nach dem Zusammenbruch des Römischen Reichs Texte aus der Antike abgeschrieben und damit dieses Wissen für die Nachwelt erhalten.

Ihre Demut und Ehrfurcht vor der Leistung anderer, aber auch ihre Offenheit und Toleranz haben sie so weit gebracht, nicht nur christliches Gedankengut zu überliefern. Wir müssen uns gegenseitig kennenlernen, vertraut machen und respektieren. Das überwindet die Angst vor dem Unbekannten. Die Ursache für die Terrorakte der letzten Zeit ist, dass Menschen Angst haben vor dem, was sie nicht kennen.

Wenn ich Vertrauen gewinnen will, muss ich es zuerst schenken. All das kann man aus der Benediktsregel ableiten und konkret für ein Land wie Österreich anwenden.

Weblinks

Quellen

  1. Salzburger Nachrichten, 24. Dezember 2015
Zeitfolge
Vorgänger

Benedikt Röck (Administrator)
Bruno Becker

Erzabt von St. Peter
seit 2013
Nachfolger
Zeitfolge
Vorgänger

Benedikt Röck

Prior von St. Peter
2009-2013
Nachfolger

Virgil Steindlmüller