Steyr 100, das Glocknerauto und Transasien-Expeditionsfahrzeug

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Erstbefahrung der Großglockner Hochalpenstraße, links Franz Wallack, rechts Franz Rehrl.
Erstbefahrung der Großglockner Hochalpenstraße Jubiläumsfahrt 1959. Hier der Nachbau des Steyr 100 auf der Kaiser-Franz-Josefs-Höhe, mit dem Franz Rehrl und Franz Wallack (rechts) am 22. September 1934 die 1. Überquerung des Tauernmassivs gelungen war.
Erstbefahrung der Großglockner Hochalpenstraße Jubiläumsfahrt 1959 beim Fuscher Törl, im Hintergrund die Hohe Dock.

Dieser Artikel schildert die Geschichte des Steyr 100, dem Glocknerauto und Transasien-Expeditionsfahrzeug.

Franz Rehrl, Max Reisch und ihr Glockner-Transasien Steyr 100

Die Geschichte eines kleinen österreichischen Automobils begann im September 1934 mit einer abenteuerlichen Erstbefahrung der Großglockner Hochalpenstraße und führte es auf eine Weltumrundung. Ein Nachbau steht heute in der Dauerausstellung „125 Jahre Automobilismus“ auf der Kaiser-Franz-Josefs-Höhe. Dieser Artikel berichtet von den beiden aufsehenerregenden Leistungen des Fahrzeugs, ihrer Lenker und der weiteren Geschichte der Automobile.

165 Zentimeter Platz zwischen Stollenhölzern für ein 158 Zentimeter schmales Automobil

Franz, der Franz, der Dr. Rehrl, hat mich gerade wissen lassen, dass er am 22. September über die Straße nach Heiligenblut fahren will“. So oder ähnlich hatte Josefine Wallack am 19. September 1934 ihren Mann, Ing. Franz Wallack, telefonisch informiert. Ing. Wallack war Planer und Bauleiter der gerade im Gange befindlichen Errichtung der Großglockner Hochalpenstraße. Nachdem „der Franz, der Dr. Rehrl“, der damalige Salzburger Landeshauptmann und Initiator des Baus der Großglockner Hochalpenstraße, nach Jahren des sogenannten Variantenstreits im Sommer 1933 endlich für Wallacks Version eingelenkt hatte, stand Ing. Wallack 1934 unter einem enormen Zeitdruck. Die Straße sollte nämlich 1935 eröffnet werden. Nun wollte also Landeshauptmann Rehrl am 22. September 1934 über die noch unvollendete Straße fahren, deren Nordrampe bis zum Fuscher Törl am 23. September 1934 dem Verkehr übergeben werden sollte. Auf der Südseite war die Straße auf die Kaiser-Franz-Josefs-Höhe schon seit 2. Oktober 1932 befahrbar.

Im selben Jahr hatten die Steyr Werke den Steyr 100 als ersten serienmäßig erzeugten Stromlinienwagen der Welt herausgebracht. Ein solches Fahrzeug hatten die Steyr Werke Rehrl mit in spezieller Leichtbauweise (aus Duraluminium und Holz) gefertigten schmalen Karosserieteilen zur Verfügung gestellt. Damit der Steyr die Steigungen schaffen konnte, wurde er von überflüssigem Gewicht befreit. Dazu zählten auch einige Karosserieteile, die durch die Leinwandstreifen ersetzt wurden. Der Steyr 100 war dann 158 Zentimeter breit, hatte eine Länge von 4,37 Metern, 25 Zentimeter Bodenfreiheit und einen 1 385 cm³ Motor, der 32 PS leistete.

Am Morgen des 22. Septembers 1934 unternahmen Dr. Rehrl in Begleitung des Bauleiters, Oberbaurat Wallack und Ing. Kammergruber von den Steyr-Werken, eine Fahrt über die noch im Bau befindliche Scheitelstrecke der hochalpinen Panoramastraße. Dieser Abschnitt war an der schmalsten Stelle 165 Zentimeter breit. Bepackt mit mehreren Kisten Zigaretten für die Arbeiter (es sollen 20 000 Zigaretten gewesen sein) ging es ab dem Fuscher Törl über Feldbahngleise und groben Schüttgestein, durch den noch mit Stützhölzern versehenen Mittertörltunnel und durch den bereits ausgemauerten Hochtortunnel. In halsbrecherischer Fahrt fuhren sie vom Hochtor zwischen Baugerüsten, Hebekranen, Gesteinsbrocken und Rollbahngleisen hinunter nach Guttal und weiter bis Heiligenblut. Zuvor machte Rehrl, der am Steuer des Steyr 100 saß, noch einen Abstecher auf die Kaiser-Franz-Josefs-Höhe. Hatte Rehrl für die Hinfahrt noch fünf Stunden gebraucht, so wurde die Rückfahrt nach Ferleiten in einer Stunde und 56 Minuten bewältigt.

Die „1. Überquerung des Tauernmassivs“ war geschafft. Es war die erste besondere Leistung des kleinen österreichischen Automobils.

Wie Max Reisch mit dem Steyr 100 um die Welt reiste

Nach dieser „Glockner-Überquerung“ wurde der Steyr 100 wieder in die Steyr Werke zurückgebracht. Hier wusste man nicht recht, was man mit diesem umgebauten Auto machen sollte. Als der junge Tiroler Student Max Reisch an die Steyr Werke mit dem Ersuchen um ein Auto für seine Weltumrundung herangetreten war, erinnerte man sich an diesen Steyr 100. Reisch hatte bereits 1932 mit einem Puch-Motorrad Nordafrika durchquert und war 1933 damit auch nach Indien am Landweg gefahren. Für seine Weltumrundung wollte er das nur das Chassis des Steyrs, da der Aufbau nach eigenen Vorstellungen für seine Expeditionsfahrt erfolgte. Am Motor wurde nichts verändert. Denn die Absicht der Steyr Werke war, die Qualität eines „Standard-Fahrzeuges“ unter Beweis zu stellen. Nichts durfte mechanisch verstellt werden, nur der Kühler wurde für die heißen Länder vergrößert, um die Motorkühlung zu gewährleisten. Die Öldruck-Bremsen funktionierten durch den Druck auf das Pedal, bei dem gleichzeitig auch alle Gelenke mit Öl versorgt wurden. Zwei Benzintanks von 35 und 45 Liter Inhalt sowie ein Wassertank für 60 Liter sollten auch in verlassenen Landstrichen für einen ausreichenden Einsatzradius auslangen. Die Versorgung mit Öl und Benzin wurde durch die Burma Oil Company und Shell auf den rund 40 000 Kilometern sichergestellt. Reisch hatte auch rund 180 kg Ersatzteile mit an Bord, die sein Begleiter Helmut Hahmann in monatelanger Arbeit bei Steyr zusammenstellte. So musste dann auch während der Reise das Differenzial drei Mal gewechselt werden.

Max Reisch und Helmut Hahmann brachen am 22. April 1935 mit diesem Fahrzeug zu einer Weltreise auf, die sie durch Syrien, den Iran weiter durch Indien nach China führte. Mit dem Schiff ging es nach Japan und nach dessen Durchquerung von Tokio wieder mit dem Schiff nach Mexiko und quer durch die Vereinigten Staaten von Amerika. Von New York wurde wieder ein Schiff genommen, das die beiden nach Bremen in Deutschland brachte. Von dort ging die Heimreise nach Wien, wo sie gestartet waren und nach 14 Monaten am 5. Dezember 1936 wieder eintrafen.

Ein Wiedersehen mit Rehrl

Besuch von Reisch am 4. Jänner 1937 bei Rehrl in Salzburg.
Oldtimer Grand Prix 1981: Prof. Dr. Max Reisch ist mit seinem Steyr 100 Transasien-Expeditionswagen aus dem Jahr 1935 zu Gast am Salzburgring, neben Max Reisch sitzt Siegfried Cmyral, Puch-Werksmotorradrennfahrer der 1930er-Jahre; Zweiter von rechts sein Sohn DI arch. Peter Reisch, neben Max Reisch mit Kappe Prof. Dr. Helmut Krackowizer.
Die Kopie des Glocknerautos in der Ausstellung "125 Jahre Automobilismus".

Am Nachmittag des 4. Jänner 1937 besuchte Max Reisch mit seinem Expeditionswagen die Stadt Salzburg. Er war erst am 5. Dezember 1936 von seiner Weltreise mit dem Steyr 100 zurückgekehrt. Naturgemäß sorgte sein Erscheinen in Salzburg für großes Aufsehen und lockte zahlreiche Schaulustige an. Der Präsident des Salzburger Automobil-, Motorrad- und Touring-Clubs, Oberbaurat Peter Reisinger, hatte ihn begrüßt und in Begleitung des Klubsekretärs Hauptmann Josef Musil statteten sie Landeshauptmann Dr. Franz Rehrl einen Besuch ab. Dr. Rehrl besichtigte das Fahrzeug, das von hunderten Inschriften in asiatischen Sprachen bedeckt war.[1]

Ein Unfall am Ende der Reise in Salzburg?

Max Reisch schildert in seinem Buch über die Weltumrundung, „2 Mann und 32 PS“, als dramaturgisches Element das Ende seiner Reise mit einem Unfall bei Salzburg. Doch ganz so hatte es sich nicht zugetragen. In Wahrheit fand dieser Unfall erst am 7. Februar 1937 statt. Reisch war gerade wieder zu einem seiner Vorträge über die Reise unterwegs gewesen und nicht am Ende dieser Reise, wie er im Buch schreibt. Das Salzburger Volksblatt berichtete, dass in der Nähe des damaligen „Flugplatzes Reichenhall-Mayerhof“, aber noch auf österreichischem Gebiet, Reisch ein Auto auf der falschen Straßenseite entgegengekommen war. Das Fahrzeug wurde dabei schwer beschädigt. Unter anderem wurde das chinesische Autokennzeichen auf einem der beiden Vorderradkotflügeln zerstört (allerdings offenbar später wieder originalgetreu hergestellt).[2]

Wie ging die Geschichte des Originalfahrzeuges weiter?

Während des Zweiten Weltkriegs stand der Steyr 100 der 1. Tauernüberquerung und der Weltumrundung in der Niederlassung der Steyr Werke in der Laxenburger Straße in Wien. Als die Rote Armee gegen Wien vorrückte brachte man den Wagen in die Fabrik nach Steyr in Oberösterreich. Bei Fliegerangriffen wurde der Wagen leicht beschädigt, jedoch 1950 wieder repariert.

Dann holte Max Reisch seinen geliebten Expeditionswagen nach Kufstein in Tirol, wo Reisch lebte. In den 1980er-Jahren nahm er mit dem Steyr an Oldtimer-Veranstaltungen teil, wie beispielsweise 1981 am „Oldtimer Grand Prix“ am Salzburgring. Reisch und der Steyr waren dabei immer die Sensationen der Veranstaltungen.

1985 verstarb Prof. Reisch. Das Auto ging in den Besitz seines Sohnes Dipl.-Ing. Peter Reisch über, der noch heute das Auto hegt und pflegt.

Das heutige „Glocknerauto“

Offenbar wollten die Steyr Werke diese beiden oben beschriebenen Leistungen nicht in Vergessenheit geraten lassen und stellten (höchstwahrscheinlich nur) eine Kopie des „Steyr 100 Glockner-Asien-Autos“ her.

Mit dieser Kopie fuhr im September 1959 anlässlich des 25. Jahrestages der „1. Tauernüberquerung“ der 72jährige Hofrat Franz Wallack noch einmal über die Großglockner Hochalpenstraße. Dr. Rehrl war leider schon bereits 1947 an den Folgen seiner Inhaftierung durch die Nationalsozialisten im Alter von 57 Jahren verstorben.

Irimbert Patscheider (* 1928; † 1995) aus Graz, leidenschaftlicher Restaurator von historischen Automobilen, war Zeit seines Lebens in den Steyr Werken tätig. So kam er wahrscheinlich auch in den Besitz dieser Kopie des Steyr 100. Nach seinem Tod stellte sein Sohn Wolfgang das Fahrzeug zunächst dem Max-Reisch-Museum in Innsbruck – neben dem Originalwagen - zur Verfügung. Es wurde restauriert und wieder fahrfähig gemacht. Nach der Schließung dieses Museum kam es ins Privatmuseum von Kurt Seidler nach Oeynhausen (Traiskirchen NÖ.). Im Juni 2010 erfolgte dann die Überstellung ins Fahrzeugmuseum von Helmut Vötter nach Kaprun im Salzburger Pinzgau. Dieser wiederum verlieh es seit dem 7. Juli 2011 für die höchstgelegene Automobilausstellung der Welt auf der Kaiser-Franz-Josefs-Höhe (2 369 m ü. A..) an der Großglockner Hochalpenstraße, wo es immer noch zu sehen ist.

Quellen

Einzelnachweise

  1. Quelle ANNO, Salzburger Volksblatt, Ausgabe vom 6. Jänner 1937, Seite 10
  2. Quelle ANNO, Salzburger Volksblatt, Ausgabe vom 8. Februar 1937, Seite 9