Anna Bertha Gräfin Königsegg

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Gedenktafel für Anna Bertha Königsegg im Salzachgässchen Nr. 3

Anna Bertha Königsegg (* 9. Mai 1883 in Königseggwald, Württemberg, Deutschland, † 12. Dezember 1948 in Salzburg) entstammte einer gräflichen, im Fürstenrang stehenden Familie aus Württemberg in Deutschland und wurde als zweites Kind in Königseggwald geboren.

Leben

Sie hatte sich mit 18 Jahren den Barmherzigen Schwestern des Heiligen Vinzenz von Paul angeschlossen und war 1925 als Visitatorin der Salzburger Ordensprovinz berufen worden.

Ihr Orden, 1844 vom Salzburger Fürsterzbischof Kardinal Friedrich VI. Fürst Schwarzenberg ins Land geholt, betätigte sich vor allem vorbildlich im Spitalswesen und hatte sich bei der Pflege von geistig Behinderten in Schloss Schernberg große Verdienste erworben. Die Visitatorin Anna Bertha Königsegg war eine glaubensstarke, resolute Frau und entschiedene Gegnerin des Nationalsozialismus, die dem Konflikt mit dem Regime nicht auswich. Daher war es schon 1939 zu Angriffen in der NS-gesteuerten Salzburger und Tiroler Presse gekommen. Nach der Einführung des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses am 1. Jänner 1940 in der "Ostmark" wies die Visitatorin ihre Untergebenen an, bei Zwangssterilisierungen nicht mitzuwirken, und ermutigte zugleich den offenbar schwankenden Fürsterzbischof Dr. Sigismund IV. von Waitz zu einer festen Haltung.

Sr. Anna Berthas Proteste gegen die NS-Euthanasie

Als ein am 17. August 1940 verfasstes Schreiben der Reichsstatthalterei Salzburg, Abteilung III, Gaufürsorgeamt, gezeichnet von Dr. Oskar Hausner, in der den Barmherzigen Schwestern unterstehenden Versorgungsanstalt Schernberg einlangte, in dem die Verlegung von Kranken auf Weisung des Reichsverteidigungskommissars des Wehrkreises XVIII angekündigt wurde, wusste die Visitatorin über die NS-Euthanasiemaßnahmen bereits Bescheid und leistete von Anfang an Widerstand. In einem Schreiben, dessen Inhalt sie vorher mit dem Leiter des Caritasverbandes, Prof. Dr. Franz Fiala abgesprochen hatte, an den Reichsverteidigungskommissar, das war der Salzburger Reichsstatthalter und NSDAP-Gauleiter Friedrich Rainer, nahm sie ausdrücklich gegen die Maßnahmen Stellung: "Es ist nunmehr ein offenes Geheimnis, welches Los diese abtransportierten Kranken erwartet, denn nur zu oft langt kurz nach ihrer Überführung die Todesnachricht vieler derselben ein." Eindringlich ersuchte Anna Bertha Königsegg Gauleiter Rainer, davon Abstand zu nehmen, indem sie auf die negativen Reaktionen des Auslandes verwies und an das religiöse Gewissen des NS-Politikers appellierte. Sie bot sogar an, auf staatliche Beiträge für die Anstalt bis zum Ende des Krieges zu verzichten. Für den Fall des Abtransportes der Kranken lehnte die Visitatorin jede Mithilfe dabei entschieden ab. Sie vertrat damit jene Position, die auch die im August 1940 tagende Fuldaer Bischofskonferenz einnahm. Bei dieser Tagung verurteilten die Bischöfe des Deutschen Reiches, unter ihnen Innitzer und Waitz, die NS-Euthanasie und verboten den katholischen Pflegeanstalten die Mitwirkung.

Die Antwort des Regimes bestand in der Verhaftung der mutigen Schwester durch die Gestapo am 17. September 1940, weil Anna Bertha Königsegg ihre Informanten über die NS-Euthanasie nicht preisgeben wollte. Nach elftägiger Haft wurde sie wieder freigelassen. Diese schlechten Erfahrungen hinderten sie jedoch nicht, wenig später, im Jänner 1941, gegen die "Verlegung" der Pfleglinge von Mariathal in Tirol, wo die Barmherzigen Schwestern ca. 70 geistig behinderte Kinder betreuten, in einem Schreiben an Gauleiter Friedrich Rainer Stellung zu nehmen. Sie wiederholte die Bereitschaft des Ordens, die Pfleglinge auf eigene Kosten zu erhalten; wiederum erfolgte keine Antwort. Als schließlich Anfang April 1941 der Abtransport der Schernberger Patienten unmittelbar bevorstand, wandte sich die Visitatorin neuerlich an den Gauleiter, um ihn von der Aktion abzubringen. An ihrer Entschlossenheit, ihre Schwestern von jeder Mitwirkung abzuhalten, ließ sie keinen Zweifel: Sie müsse den Schwestern untersagen, "irgendwie dabei mitzuhelfen, wäre es auch nur mit dem Ausfüllen von Listen und Fragebögen, denn unser Gewissen verbietet uns, in dieser Aktion mitzuwirken". Und ihren Mitschwestern erklärte sie: "... ich übernehme die Verantwortung, und sollte es auch mein Leben kosten, ich gebe es gerne für Gott und unsere lieben Armen."

Daraufhin wurde Anna Bertha Königsegg am 16. April 1941 neuerlich verhaftet, und während ihrer Abwesenheit wurden die Pfleglinge von Schernberg unter Protesten der Schwestern in die Vernichtungsanstalt Hartheim deportiert. Nur eine 17köpfige Gruppe konnte rechtzeitig gewarnt werden, flüchtete in einen Wald und überlebte. Der Schernberger Pfleger Friedrich Zehentner, der sich beim Abtransport am 21. April 1941 weigerte, aktiv mitzuwirken und später davon erzählte, war wegen Verbreitung unwahrer Gerüchte, einem Delikt nach dem Heimtückegesetz, sechs Monate in Haft und erlitt einen schweren Gesundheitsschaden.

Der Salzburger Anstaltsarzt Dr. Gföllner berichtete 1945, dass die Aufregung in der ländlichen Bevölkerung so groß war, "dass eine Wiederholung des Unternehmens politisch nicht mehr ratsam erschien". In der Folge wurden die für die Aktion bestimmten Pfleglinge aus Schernberg durch das DRK nach Salzburg gebracht, wo sie in den nächsten Transport nach Hartheim eingereiht wurden.

Als Anna Bertha Königsegg nach viermonatiger Gestapohaft entlassen wurde, musste sie den Reichsgau Salzburg verlassen und sich auf das Gut ihres Bruders in Königseggwald zurückziehen. Als Repressalie wurde das gesamte Vermögen der Kongregation beschlagnahmt. "Die Gemeinschaft haftet für Verfehlungen der einzelnen Mitglieder und erst recht für Verfehlungen der Leitung", wurde den Schwestern mitgeteilt. Erst im Sommer 1945 konnte die Visitatorin, die trotz Drohungen ihr Amt nicht zurücklegte, nach Salzburg zurückkehren und am Wiederaufbau mitwirken. Anna Bertha Königsegg starb am 12. Dezember 1948.

Zu Recht bezeichnet Ernst Hanisch die Handlungsweise der Visitatorin der Barmherzigen Schwestern als die "couragierteste Protestaktion der Kirche in Salzburg". Walter Reschreiter, dessen eindrucksvolle biographische Skizze im Jahrbuch 1991 des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW) diesem Artikel zugrunde liegt, stellt Anna Bertha Königsegg "in eine Reihe mit Bischof Clemens August von Galen und anderen mutigen Christen".

Widmungen

Der Gemeinderat der Stadt Salzburg benennt 1988 eine kurze Straße nach ihr. Im Stadtteil Mülln erinnert im Salzachgässchen Nr. 3 eine Gedenktafel an Anna Bertha Königsegg. In den meisten Geschichten der NS-Euthanasie freilich (Ernst Klee, Henry Friedlander, Hans-Walter Schmuhl) bleibt ihr Name unerwähnt.

Im Salzburger Stadtteil Taxham trägt die Sonderschule für schwerstbehinderte Kinder ihren Namen (Anna-Bertha-Königsegg-Schule).

Literatur und Quellen

  • Wolfgang Neugebauer: "Unser Gewissen verbietet uns, in dieser Aktion mitzuwirken", Vortrag anlässlich einer Gedenkveranstaltung für Sr. Anna Bertha Königsegg, Schloss Goldegg, 12. November 1998
  • Historische Pflegeforschung
  • Lebenslauf
  • betreffend Gespräch mit Franz Fiala: Couragierte Beschützerin, Anna Bertha Königsegg in VN 82.pdf - Lazaristen, Abruf am 1. Juni 2013