Leopoldine Wojtek

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Leopoldine Poldi Wojtek (* 27. Oktober 1903 in Brünn, Mähren; † 11. Jänner 1978) war eine Grafiker, die 1928 das Logo der Salzburger Festspiele entwarf.

Leben

Sie studierte an der Wiener Kunstgewerbeschule. Ihr erstes Auftreten in Salzburg meldete die „Salzburger Volkszeitung“ am 6. August 1925: Sie gestaltete das Plakat zur Ausstellung des von Anton Faistauer gegründeten „Sonderbundes österreichischer Künstler in Salzburg“.

Aufgrund von Zeitungsmeldungen der 1920er- und 1930er-Jahre ist auf eine rege Künstlerin zu schließen, die bei Ausgestaltung des 1925 gebauten Festspielhauses mitwirkte, Plakate gestaltete, als Grafikerin für Wüstenrot tätig war oder Kurse für Aktzeichnen anbot. Laut „Arbeiterzeitung“ von April 1933 war sie in der Ausstellung Wiener Frauenkunst in Wien vertreten.

Künstlerinnen waren Anfang des 20. Jahrhunderts benachteiligt. Bis 1920 war ihnen das Studium an der Wiener Akademie untersagt. Ihnen blieb nur Privatunterricht oder die Kunstgewerbeschule. Hildegard Fraueneder berichtet im Buch „150 Jahre Salzburger Kunstverein“, dass in den 1920er- und 30er-Jahren Kunst von Frauen – egal ob Plastik, Zeichnung oder Holzschnitt – nur als „Kleinkunst“ gegolten habe.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wirkte Poldi Wojtek als Keramikerin und hatte (wie Karl Schatzer und Toni Schneider-Manzell) ein Atelier in der Residenz.

Den Tod der „akad. Malerin“ am 11. Jänner 1978 machte ihr Lebensgefährte Karl Schatzer in den Salzburger Nachrichten vom 13. Jänner „im Namen aller Verwandten in Mexiko und Mähren“ kund.

... brachten die Salzburger Nachrichten am 7. Jänner 2019 einen Artikel von Hedwig Kainberger unter dem Titel

Wie sehr ist diese Frau zu würdigen

Ihr Logo muss weg! Diese Forderung über die Schöpferin des Markenzeichens der Salzburger Festspiele weckt die Frage: Wer war sie?

Von Poldi Wojtek ist wenig übrig. Mehr als fünf Jahrzehnte war sie künstlerisch tätig. Aber verbreitet ist nur ihre Wort-Bild-Marke für die Salzburger Festspiele aus 1928, die heute noch auf Website und Drucksorten der Salzburger Festspiele prangt. Deren Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler, hat versichert: „Dieses Logo ist zeitlos gut.“

Nicht dank dieses grafischen Coups, sondern wegen ihrer Verstrickung in der NS-Zeit ist ihr Name prominent geworden. Jüngst wurde dies wieder skandalisiert: Das Logo müsse weg, forderte der ehemalige SPÖ-Politiker Walter Thaler aus Zell am See. Er bezog sich auf Recherchen der Initiative „Memory Gaps“, die die Künstlerin Konstanze Sailer seit 2015 über eine Website betreibt. Mittels „virtueller Ausstellungen“ würden Debatten über noch immer öffentlich gewürdigte NS-Mitläufer und -Mittäter angeregt, weil beispielsweise Straßen nach ihnen benannt seien, erläutert der Sprecher der Initiative, Dominik Schmidt. Etwa ein Dutzend Historiker, Politikwissenschafter und Soziologen recherchierten dazu.

Poldi Wojtek wird von „Memory Gaps“ dreifach bezichtigt:

  • Sie kam aufgrund ihrer von 1932 bis 1941 währenden Ehe mit dem erst illegalen, dann führenden Nationalsozialisten Kajetan Mühlmann zu Aufträgen, etwa den eisernen Vorhang für das 1939 umgebaute Akademietheater in Wien. 1938 gestaltete sie für das Ärztehaus in Linz einen Gobelin mit Adler, Hakenkreuz und Hitler-Zitat, der in der NS-Zeitschrift „Die Kunst im Dritten Reich“ Ende 1938 abgebildet wurde (siehe Website von „Memory Gaps“ und die Online-Version dieses Artikels[1]).
  • Außerdem soll sie schon 1936, als die NSDAP nach vielen Terrorangriffen in Österreich verboten war, das in Stuttgart publizierte Kinderbuch „Eine wahre Geschichte“ über das Leben Adolf Hitlers illustriert haben. Dieses dürfte ein Bestseller gewesen sein, denn „Memory Gaps“ bildet zwei Seiten aus der 18. Auflage von 1937 ab. Laut Katalog jener – nach Angaben Dominik Schmidts – „süddeutschen Bibliothek“, die ein Exemplar verwahrt, stammt der Text vom Salzburger Nationalsozialisten Karl Springenschmid und die Zeichnungen von Poldi Wojtek. Diese hat also in der NS-Zeit ihren Beruf offenbar ohne ideologische Hemmung fortgeführt.
  • Sie zog auch – mit Hilfe ihres Vaters Josef Wojtek – nach ihrer Scheidung in jenes „arisierte“ Haus in Anif, das der Künstlerin Helene von Taussig gehört

hatte. Die war 1941 enteignet, 1942 deportiert und in einem Vernichtungslager ermordet worden.

Doch ob Poldi Wojtek Parteimitglied war, antisemitisch gehetzt, andere denunziert oder aber vielleicht Verfolgten geholfen hätte, ist unbekannt. Ihre feststellbare künstlerische Tätigkeit ist meist politisch belanglos. Manches ist auch zwiespältig. So war das nun inkriminierte Festspiel-Logo akkurat in der NS-Zeit nicht in Gebrauch. Der Maler Theodor Kern, der sie porträtiert hat, ist 1938 vor den Nazis emigriert.

Was ist sonst von ihr geblieben?

Einzig ein schöner Fischkalter im Sternbräu zeigt noch von ihrer Begabung“, berichtet die Fremdenführerin Gretl Herzog. Sie habe Poldi Wojtek – eine „eigenwillige, starke Frau“ – gekannt, da sie wie viele Salzburgerinnen an jenen Volkshochschulkursen „Malen und Keramik“ teilgenommen habe, die Poldi Wojtek in ihrem Atelier in der Residenz gegeben habe. „Ich habe Frau Wojtek viele schöne Stunden, aber auch viel Maltechnik und Arbeiten in Ton zu verdanken; sie hat vielen Teilnehmern große Freude geschenkt“, sagt Gretl Herzog. Da sie sich befreundet hätten, habe ihr PoldiWojtek viel erzählt. „Ja, sie hat ihren Mann Kajetan Mühlmann geliebt, der allerdings keine Kinder von ihr wollte. Sie hatte sich daher zwei Mal ein Kind nehmen lassen, was in dieser Zeit sehr gefährlich war.“ Dann sei sie draufgekommen, dass Mühlmann am Attersee mit einer anderen Frau eine zweite Familie mit vier Kindern gehabt habe. Das habe zur Scheidung geführt.

Der Versuch, den keramisch umrahmten Fischkalter oder Forellenzuber zu besichtigen, scheitert. Dieser habe beim Umbau 2012 weichen müssen, „jetzt ist dort die Küche“, sagt Sternbräu-Chef Harald Kratzer. Dass diese Keramik von Poldi Wojtek gewesen sei, „ist mir neu“; auch kein Experte von Denkmalamt oder Sachverständigenkommission habe dies je erwähnt.

Auch in anderen Gasthäusern war Poldi Wojtek laut Zeitungsberichten tätig. Im 1927 eröffneten Kurhotel Marienhof in Hofgastein gestaltete sie Wandmalereien im Speisesaal. Gleiches tat sie 1929 im Kaltenhauser Bierstüberl in der Kaigasse, 1930 in der Moserschen Weinstube in der Marktgasse (heute Wiener-Philharmoniker-Gasse) sowie im 1933 eröffneten Gasthof Mödlhammer an der Getreidegasse (nun McDonald’s).

All das musste wie der Fischkalter im Sternbräu weichen. Nikolaus Schaffer, bis 2016 Sammlungsleiter im Salzburg Museum, kennt abgesehen von einem in Privatbesitz vermuteten Nachlass noch etwas Erhaltenes. Das Salzburg Museum verwahrt gut ein Dutzend an Keramik zumeist aus den 1950er-Jahren: Vasen, Schalen und einen Krug. Zudem ist eine Kuriosität geborgen: die Pfeiler des einstigen Schaltersaals der Post am Residenzplatz, an dessen Stelle heute das Sattler-Panorama steht. Beim Einbau des Panoramas in die Ende der 1920er-Jahre errichtete Schalterhalle seien vier quadratische Pfeiler entfernt und ins Depot gebracht worden, bestätigt der damalige Direktor Erich Marx. Die Malereien seien nicht restauriert worden und vermutlich jetzt noch unter Putz. Man sei sich einig gewesen, dass ein beauftragtes Kunstwerk nicht mutwillig zerstört, sondern gesichert werden solle.

Wie hat es ausgesehen? Das „Salzburger Volksblatt“ berichtete am 6. Juni 1930 über „Das neue Hauptpostamt“ von „gediegener Ausstattung mit edlem Material“ und hebt Poldi Wojteks Malereien hervor, „die in farbenfreudigen Bildern verschiedene Motive aus dem Postbetrieb und aus der Stadt“ darstellten. Diese Fresken wurden Nikolaus Schaffer zufolge im Dritten Reich übermalt. Sie taugten – wie ihr von 1938 bis 1945 entferntes Festspiel-Logo also explizit nicht als „NS-Kunst“.

Noch etwas ist erhalten, worauf Nikolaus Schaffer hinweist: Auf die Fassade der Stadtpfarrkirche Maria Hilf im Stadtteil Leopoldskroner Moos hat sie 1954 ein Marienbild freskiert. Das war übrigens nicht ihr einziges kirchliches Werk: 1933 hatte sie laut Salzburger Chronik die Wände der Hauskapelle des Kinderspitals malerisch gestaltet.

Wie schätzt er Poldi Wojtek ein?

Als Keramikerin habe sie „recht schöne Sachen“ gemacht, ihre Stücke hätten „eine persönliche Note“, sagt Nikolaus Schaffer. Er habe sie nie kennengelernt, doch Zeitzeugen hätten sie ihm als „recht resche, fast schon hantige Person“ beschrieben. Ihm sei auch erzählt worden, sie habe bei der Restitution des Taussig-Hauses alle erdenklichen Schwierigkeiten gemacht.

War sie eine gute Künstlerin?

Absolut!“, sagt Nikolaus Schaffer. „Ihre Fähigkeiten waren sehr umfassend.“ Sie sei aus dem Kreis der Wiener Werkstätten gekommen. Bereits als 23- und 24-Jährige arbeitete sie bei beträchtlichen Werken für das neue Festspielhaus mit: 1926 bei den Gobelins von Anton Kolig und Robin Andersen, die nun in der Salzburg-Kulisse hängen, sowie 1927 bei einem vom Land Salzburg beauftragten großen Glasguss-Mosaik Anton Koligs im Foyer.

Wie ist sie in der NS-Zeit einzuordnen?

Nikolaus Schaffer bezeichnet sie als „Mitläuferin“ und stellt fest: „Sie hat gemacht, was angefallen ist“ – also auch Bedenkliches wie vermutlich die Illustration der Hitler-Biografie für Kinder. Allerdings habe sie während der NS-Zeit „nicht plötzlich ihre Talente verloren“. Von politisch unkorrektem Verhalten ist also nicht auf künstlerische Unfähigkeit zu schließen.

Auch der Historiker Gert Kerschbaumer hat Spuren gesucht. Er bezeichnet Poldi Wojtek als „Profiteurin“, die in der NS-Zeit dank Beziehungen an Aufträge gekommen sei. Bei der anonym publizierten Hitler-Biografie für Kinder ist er vorsichtiger als „Memory Gaps“: Weder Autor noch Illustrator seien genannt. Er halte Karl Springenschmid „eindeutig“ für den Autor, doch Poldi Wojteks Mitarbeit sei möglich gewesen, aber „es gibt keinen Beleg dafür“. Dies wäre allerdings so plausibel wie die Grafik für eine andere brisante Drucksorte: eine Einladung für die Salzburger Bücherverbrennung am 30. April 1938, die Gert Kerschbaumer auf der Stolpersteine-Website publiziert hat. Die Karte sei „gekonnt und professionell“ gestaltet. Er hege den „Verdacht, dass die Grafik von Poldi Wojtek ist“. Aber: „Es gibt keinen Beweis.

Quelle

Weblink

Einzelnachweis