Jedermanns Juden. 100 Jahre Salzburger Festspiele.

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Blick in die Ausstellung.
Blick in die Ausstellung.

Jedermanns Juden. 100 Jahre Salzburger Festspiele. ist der Titel einer Ausstellung im Jüdischen Museum in Wien, die von 14. Juli bis 21. November 2021 zu sehen ist.

"Jedermanns Juden": Neue Schau im Jüdischen Museum bringt Künstlern späten Ruhm

Ohne jüdische Künstler hätte es keine Salzburger Festspiele gegeben. Das Jüdische Museum holt sie vor den Vorhang.

"Doch glauben Sie mir, es kommt der Tag, an dem die ganze Welt zu unseren Salzburger Festspielen pilgern wird" liest man beim Stiegenaufgang im Jüdischen Museum Wien. Hugo von Hofmannsthal sagte das bei einem Treffen 1919, also ein Jahr vor der Premiere. Angeblich wurde die Idee in Berta Zuckerkandls Salon geboren. Als sie diese Erinnerungen 1939 aufschrieb, war sie schon in der Emigration. Sechs Jahre später starb sie in Paris, ohne ihre österreichische Heimat je wieder gesehen zu haben.

Solcherlei Schicksale rund um die Festspiele gibt es viele. Die Ausstellung "Jedermanns Juden. 100 Jahre Salzburger Festspiele" erzählt sie. Spürbar war der Antisemitismus schon seit der Gründung. Nach dem Ersten Weltkrieg bestärkten Unsicherheit und Identitätssuche die judenfeindliche Stimmung. 1921 stimmte das Bundesland Salzburg in einer inoffiziellen Abstimmung mit 99 Prozent für den "Anschluss" an Deutschland. Nationalistische Kräfte hetzten gegen die "Theaterjuden" aus der Großstadt.

Auch der erste Jedermann-Darsteller Alexander Moissi, der aus einer albanischen Familie stammte, wurde zur Zielscheibe - obwohl er kein Jude war. "Er war ein bisschen androgyn, hatte eine hohe Stimme und gab sich manchmal wie eine Frau. Das konnten die Nazis überhaupt nicht leiden", erläutert Marcus G. Patka. Er hat die Ausstellung mit Sabine Fellner kuratiert. Die "Salzburger Nachrichten" trafen ihn beim Feinschliff vor der Eröffnung.

Neben Moissis Porträt repräsentiert ein mittelalterlicher Grabstein das Salzburger Judentum. Er stammt aus Friesach, das bis zu den Napoleonischen Kriegen zu Salzburg gehörte. Daneben wird gerade eine Thorarolle ausgepackt. Die Auswahl der Ausstellungsgegenstände ist bunt: Holzschnitte von Emma Schlangenhausen, Bühnenbildskizzen von Ernst Stern, ein Stück von der "Faust"-Linde, die 1933 für eine legendäre Fassung in der Felsenreitschule gepflanzt wurde, und Kostümentwürfe aus dem Burgtheater, denn ein Großteil der Ausstattung wurde übernommen. Aus dem Nachlass von Max Reinhardt erstmals zu sehen: ein mächtiger Ledersessel aus dem Schloss Leopoldskron - angekauft durch den Freundesverein des Hauses und aufwendig restauriert. Daneben liegt das Gästebuch des Schlosses, in dem Reinhardt die größte Inszenierung, quasi die inoffiziellen Festspiele, hatte stattfinden lassen. Es lässt sich am Tablet digital durchblättern.

"Bitte nicht ankommen, sie bröselt schon", sagt Patka mit einem Blick auf die letzte Zigarre. Das Reise-Necessaire aus Krokodilleder ist "made in London" und mit Initialen versehen wie der Koffer.

Akustisch untermalt wird das Ganze vom Salzburger Schnürlregen; erzeugt mittels Theatermaschine. Dreht man die hölzerne mit Drahtgitter bespannte Trommel, prasseln die Steine darin. Ursprünglich sollte daneben die Geschützmaschine stehen, aber Schussgeräusche erschienen dann doch zu heikel. Schnell wird klar: Die Festspiele waren kein rein katholisch-barockes Spektakel, sondern von Beginn an genauso eine avantgardistische Spielwiese. So hat der innovationsfreudige Visionär Max Reinhardt zum Beispiel das elektrifizierte Theater genutzt wie kein anderer. Kritiker legten ihm seine Offenheit für technische Errungenschaften als Effekthascherei aus. Heute erscheint es beachtlich, dass er damals schon den Zuschauerraum miteinbezog, Lichteffekte, Donner und Gerüche aufziehen und die Drehbühne wirken ließ.

Ein Modell davon, genauer gesagt vom "Sommernachtstraum" 1927, hatte Oskar Strnad gestaltet. Reinhardts einzig wirkliche Neuproduktion extra für Salzburg war "Faust", weiß Patka. Alles andere habe er vorher schon anderswo inszeniert.

Die Musiker kamen alle aus Wien, die Schauspieler bis auf ein paar deutsche Ausnahmen ebenfalls. Unter ihnen waren nur wenige jüdischer Abstammung, etwa der Tragödienstar Else Wohlgemuth.

Aber beim Chor, bei der Ausstattung und im Orchester sah es anders aus. Da waren etwa der Opernregisseur Lothar Wallerstein und der Dirigent Bruno Walter, der seine Karriere bei Mahler begonnen hatte. Dessen Schwester war mit Arnold Rosé verheiratet, der ebenfalls bei den Festspielen wirkte. Er begründete eines der großen Streichquartette seiner Zeit und spielte die erste Geige bei den Wiener Philharmonikern. Rosé flüchtete nach England. Seine Tochter Alma, ebenfalls Komponistin, vor allem bekannt für Walzer, starb in Auschwitz.

Die Schau erinnert an die vielen Talente, die die Salzburger Festspiele prägten. Bis zur schleichenden, grausamen Übernahme des Naziregimes. Aus dem Jahr 1938 sind sogar zwei Plakate erhalten: Auf einem werden Max Reinhardt, Bruno Walter und Arturo Toscanini noch angekündigt, auf dem Neudruck stehen keine Namen mehr.

Das Salzburger große Welttheater

Die erste Phase der Salzburger Festspiele von 1920 bis 1925 prägte Hofmannsthal mit seinen im katholischer Erlösungsgedanken geschrieben Stücken Jedermann und Das Salzburger Große Welttheater. Letzteres inszenierte Reinhardt 1922 in der Kollegienkirche, was einen Skandal auslöste, da ihm Entweihung des Sakralraums vorgeworfen wurde. Während Karl Vollmöllers szenische Pantomime Mirakel in Reinhardts Inszenierung in London und New York riesige Hallen bis zum letzten Platz füllte, fiel die Salzburger Adaptierung eher bescheiden aus.

Ihre Blütezeit erlebten die Festspiele von 1926 bis 1933: Um ein breiteres Publikum anzulocken, inszenierte Max Reinhardt nun Komödien wie Goldonis Diener zweier Herren und Shakespeares Sommernachtstraum, die spielerisch Musik und Tanz integrierten. Gleichzeitig fällt auf, dass zwar Schauspieler jüdischer Herkunft vertreten waren, doch nicht die wenigen Stars unter ihnen, die an anderen Orten aber sehr gerne mit Reinhardt zusammenarbeiteten.

Nach der Fertigstellung des Festspielhauses konnten weit opulentere Operninszenierungen realisiert werden. Im Architekten Oscar Strnad fand sich ein visionärer Bühnenbildner, in Bruno Walter ein Dirigent von Weltrang, der seine Karriere bei Gustav Mahler begonnen hatte. Dessen Schwager wiederum war Arnold Rosé, Konzertmeister der alljährlich in Salzburg aufspielenden Wiener Philharmoniker. Von der Wiener Staatsoper kamen nicht nur die Kostüme und die Kulissen, sondern auch die Protagonist*innen. Die berühmten jüdischen Stimmen an der Oper waren weiblich: Rosette Anday, Claire Born, Elisabeth Schumann u. a. gehörten zu den Stars ihrer Zeit.

1928 gab die Leningrader Opernwerkstatt mit drei Mozart-Operninszenierungen ein von antikommunistischen Protesten begleitetes Gastspiel, Tilly Losch führte ihren Tanz der Hände auf, Hofmannsthal Tanzpantomime Die grüne Flöte glänzte mit futuristischen Kostümen. Auf der Ballett-Bühne beeindruckte die Choreographin Margarete Wallmann mit ihren Inszenierungen.

Die Plakate für 1938 mit den Stars Toscanini und Reinhardt waren schon gedruckt, doch nach dem Einmarsch deutscher Truppen entlud sich die lange aufgestaute Wut der lokalen Nazis in martialischen Aktionen: Die Synagoge und die wenigen jüdischen Geschäfte in Salzburg wurden verwüstet. Am 30. April 1938 fand am Salzburger Residenzplatz die eine der beiden Bücherverbrennungen in der Geschichte Österreichs statt. Reichspropagandaminister Joseph Goebbels hatte jedoch das Problem, dass er nun eine Institution übernehmen und neugestalten wollte, die er jahrelang mit allen Mitteln bekämpft hatte. Katholische Programmpunkte wie der Jedermann und die Kirchenmusik wurden abgesetzt, die jüdischen Protagonisten waren längst verhaftet oder geflohen. Nach Kriegsbeginn büßte die Inszenierung zusehends an Opulenz ein, zuletzt wurde fast nur noch vor Soldaten auf Heimaturlaub gespielt.

Die Salzburger Nachkriegsfestspiele

Die amerikanische Besatzungsmacht hatte 1945 ihr Hauptquartier in Salzburg aufgeschlagen und erstrebte eine rasche Normalisierung des zivilen Lebens. Einmal mehr boten die Festspiele eine internationale Kulisse. Um den künstlerischen Betrieb auf höchstem Niveau zu gewährleisten, wurden durch ihre Tätigkeit für das NS-Regime belastete Künstler wie Karl Böhm, Wilhelm Furtwängler, Attila Hörbiger, Herbert von Karajan, Clemens Krauss oder auch Paula Wessely nach einem kurzfristigen Auftrittsverbot wieder engagiert. Zu den wenigen jüdischen Protagonist*innen gehörten der Schauspieler Ernst Deutsch, der in den folgenden 15 Jahre den Tod im Jedermann spielte. Der Geiger Yehudi Menuhin kam zu zwei Gastspielen, um der vom NS-Regime verwüsteten Kulturlandschaft beizustehen. Der Opernregisseur Herbert Graf feierte einige gelungene Inszenierungen und war an den Entwürfen Clemens Holzmeisters für das Große Festspielhaus beteiligt.

ORF-TVthek-Medienarchiv Judentum

Anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Jedermanns Juden. 100 Jahre Salzburger Festspiele“ präsentierte der stv. ORF-Direktor für Technik, Online und neue Medien, Thomas Prantner, das „ORF-TVthek-Medienarchiv Judentum“. Es besteht seit 2011 und wurde gemeinsam mit dem Jüdischen Museum Wien entwickelt und seitdem mehrfach ausgebaut. Zuletzt wurde es 2020 und 2021 um 27 Videos maßgeblich erweitert und zeichnet in nunmehr insgesamt 115 Videos ein facettenreiches Porträt jüdischer Vergangenheit und Gegenwart in Österreich. Anlässlich der neuen Ausstellung des Museums wurde das Medienarchiv jüngst auch um die Dokumentation „Die Künstler, die Antisemiten und die Salzburger Festspiele“ ergänzt.

Bildergalerie

Historische Aufnahmen
Bilder von den Ausstellungsräumen

Quellen