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SS-Todesschwadron jagte Deserteure am Böndlsee

Erläuterungstafel neben dem Gedenkstein auf dem Areal der Salzburger Gebietskrankenkasse
Der von Anton Thuswaldner gestaltete, am 8. August 2014 feierlich enthüllte Gedenkstein auf dem Areal der Salzburger Gebietskrankenkasse

SS-Todesschwadron jagte Deserteure am Böndlsee, ein trauriges Kapitel Goldegger Geschichte, das sich am 2. Juli 1944 ereignete.

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Weil Gendarmen eine Gruppe von Wehrmachts-Deserteuren nicht fassen konnten, durchkämmten SS und Gestapo im Juli 1944 mit mehr als 1 000 Mann das Gebiet um den Böndlsee. Deserteure und Helfer wurden verhaftet, gefoltert und ermordet. Bis heute spaltet diese Geschichte den Ort.

Was sich im Zweiten Weltkrieg in der Pongauer Gemeinde Goldegg ereignet hat, ist nicht vielen bekannt. Wer davon weiß, dem sind die „Partisanen vom Böndlsee“ ein Begriff. Eigentlich handelte es sich um sechs Wehrmacht-Deserteure, die nicht für die Nazis in den Krieg ziehen oder nicht mehr an die Front zurückkehren wollten.

Der Begriff 'Partisanen' bezeichnet eine Truppe von Bewaffneten, die aktiv gegen die regulären Streitkräfte eines Regimes kämpft, indem sie zum Beispiel Versorgungstrupps überfällt. Die Goldegger Deserteure hielten sich aber lediglich versteckt, obschon sie über Waffen verfügten und mehrmals die nach ihnen suchenden Gendarmen bedrohten oder in die Flucht schlugen.

Obwohl sich die Deserteure dem NS-Regime nur etwa acht Monate lang widersetzten, wurden sie von diesem als große Bedrohung empfunden. Sie erhielten nämlich große Unterstützung von den Menschen im Ortsteil Weng. Die örtlichen Gendarmerie-Beamten schalteten schließlich die Gestapo ein.

Das Geschehen

Am Morgen des 2. Juli 1944 wurden die Bewohner von Goldegg-Weng von Schüssen und Geschrei aus dem Schlaf gerissen. Ein 1 000 Mann starkes SS-Todesschwadron sowie 60 Gestapo-Beamte durchsuchten bei der Aktion „Sturm“ den Ortsteil, der damals aus 100 Häusern bestand. Jeder Heustadl wurde mit Lanzen durchbohrt, jede Almhütte, jeder Stall, jeder Hof durchsucht.

Beim Unterdorfgut wurde der Anführer der Deserteure, Karl Rupitsch, verhaftet. Im Zuge dessen wurden zwei der unbeteiligten Bauernsöhne, Simon und Alois Hochleitner, erschossen. Tochter Elisabeth, die mit Rupitsch liiert war, wurde gefoltert und schließlich mit schweren Verletzungen ins KZ Ravensbrück deportiert. Mehr als 50 Menschen wurden verhaftet und gefoltert, viele in KZ verschleppt, 14 Menschen verloren ihr Leben.

Hintergründe

Wer waren die Goldegger Deserteure? Der namentlich am häufigsten genannte Karl Rupitsch, war ein 33-jähriger Witwer aus Mühlbach am Hochkönig und Vater dreier Kinder. Dem Nazi-Regime war er bereits vor seiner Fahnenflucht ein Dorn im Auge, weil er illegal geschlachtetes Fleisch verkaufte – ein schwerer Verstoß gegen die damaligen kriegswirtschaftlichen Gesetze. Als er deshalb verhaftet wurde und mithilfe von Freunden aus St. Johann im Pongau fliehen konnte, erhielt er trotz einer Knieverletzung den Einberufungsbefehl zur Wehrmacht.

Doch Rupitsch wollte nicht kämpfen: „Warum soll ich jemanden erschießen, der mir nichts getan hat?“ – so wird er von Zeitzeugen zitiert. Er beschloss, sich im weitläufigen Almgebiet nördlich von Goldegg zu verstecken. Der Pongauer Historiker Michael Mooslechner erklärt: „Damals haben die Menschen geglaubt, dass der Krieg bald vorbei sein muss. Die Schlacht von Stalingrad war verloren, alle Fronturlauber haben gesagt, der Krieg ist verspielt – sogar die Offiziere. Dass Hitler den Untergang so lang hinauszögert, konnte niemand ahnen.

Rupitsch begann, befreundete Wehrmachtssoldaten abzuwerben. „Der,Pauss Karl‘, wie er genannt wurde, war ein beliebter, einnehmender und attraktiver Mann. Bei unseren Recherchen sind mein Kollege und ich in Goldegg die gesamte Sonnseite abgegangen, von Hof zu Hof. Nirgends haben wir ein schlechtes Wort über ihn gehört“, beschreibt Mooslechner.

Rupitsch scharte seine Jugendfreunde Gustl Egger (Irrsteingut), Schorsch Kössner (Trogbauer), Franz Unterkirchner (Dürnbachhof), Richard Pfeiffenberger (Ziehsohn vom Doneibauer) und den Dientner Scheiberbauern Peter Ottino um sich. Die Bevölkerung des Ortsteils Goldegg-Weng versorgte sie mit Nahrungsmitteln. Zeitweise hielten sie sich auch in landwirtschaftlichen Nebengebäuden des Vorderbrandstätthofes im Bereich der Taxenbacher Sonnseitberge in Taxenbach auf und wurden von Hofangehörigen versorgt. Der Vorderbrandstätthof wurde zur selben Zeit wie die Höfe in Goldegg-Weng durchsucht und Brandstättbauer Johann Oblasser kam ebenfalls in KZ-Haft.

Aus der Sicht des Historikers Michael Mooslechner

Historiker Mooslechner: „Das war damals eine besondere Situation: Weng war bis 1938 eine eigene Gemeinde und es gab eine Rivalität zwischen Goldegg und Weng.“ In Goldegg sei man der NSDAP zugeneigt gewesen, in Weng den Deserteuren. „Das hat nach dem Krieg zu einer Opfer-Täter-Umkehr geführt“, sagt Mooslechner. Die Partisanen seien als „Landplage“ abgestempelt worden. Sie seien „übermütig“ gewesen, hätten in Saus und Braus gelebt und zum „Hiatatanz“ geladen, während die Soldaten an der Front ihr Leben riskiert hätten. Zudem hätten die Partisanen nach ihrer Verhaftung alle ihre Helfer verraten – Geständnisse, die unter Folter zustande gekommen seien. Mooslechner: „Ich habe die Vernehmungsprotokolle gelesen – es war furchtbar.“ Wer aus dem KZ wieder nach Hause zurückkehrte, lernte deshalb, zu schweigen.

Zankapfel Gedenktafel

 
Die erste der beiden am 3. August 2014 im Friedhofseingangsbereich im Namen von Pfarre und Gemeinde, jedoch ohne namentliche Erwähnung der Opfer, angebrachten Gedenktafeln
 
Die zweite Tafel am Goldegger Friedhof

Bis heute (13. Februar 2014 Anm.) gibt es keine Gedenktafel, die an alle Opfer erinnert. Das stört die Tochter von Karl Rupitsch, Brigitte Höfert. Sie war vier Jahre alt, als ihr Vater ermordet wurde. „Ich bin bei Zieheltern in Bischofshofen aufgewachsen. Sie haben mir ein sehr positives Vaterbild vermittelt“, erinnert sie sich, „aber erst später habe ich realisiert, wie wichtig es war, dass sich jemand gegen die Nazis aufgelehnt hat.“ Rupitsch hat sich aus dem KZ Mauthausen noch nach seiner Tochter erkundigt. Am 28. Oktober 1944 wurde er dort erhängt, „auf Befehl des Reichsführers SS“.

Auf eigene Kosten will Höfert nun eine Gedenktafel im Schloss Goldegg verlegen lassen. Am 19. Februar 2014 entscheidet die Goldegger Gemeindevertretung darüber. Doch dieser Tagesordnungspunkt scheint allerdings nicht auf.

Für die Gestaltung der Tafel konnte sie den Kapruner Bildhauer Anton Thuswaldner gewinnen. Er schlägt als Ort den Innenhof des Goldegger Schlosses vor, das der Gemeinde gehört. Unterstützt wird Brigitte Höfert vom Pongauer Historiker Michael Mooslechner. Er ist durch Zufall bei Recherchen über das Kriegsgefangenenlager „Stalag Markt Pongau“ auf die Goldegger Deserteure gestoßen.

Mooslechner: „Die Geschichte spaltet den Ort bis heute.“

Höfert und Mooslechner sagen, ihnen habe Bürgermeister Johann Fleißner (ÖVP) im Herbst 2013 zugesichert, das Thema in der nächsten Gemeindevertretungssitzung zu behandeln. Auf der Tagesordnung scheint der Punkt allerdings nicht auf.

Bürgermeister Fleißner verweist auf den Goldegger Kulturverein (KV): „Das ist ein Projekt des Kulturvereins. Wir brauchen eine sachliche Aufbereitung, bevor wir etwas entscheiden können.“ Der Kulturverein müsse darlegen, wie die Tafel aussehen und warum sie im Schloss verlegt werden solle. „Für mich persönlich würde eine Tafel besser am Ort des Geschehens passen“, sagt Fleißner. Er spielt damit auf den Böndlsee an. Dass dieser Ortsteil „versteckt“ sei, will Fleißner nicht gelten lassen.

Höfert würde die Gedenktafel gerne am 2. Juli 2014 enthüllen lassen, dem 70. Jahrestag des „Goldegger Sturms“. Diesen Zeitplan halte er für unrealistisch, sagt Cyriak Schwaighofer. Der grüne Landtagsklubchef ist Obmann des Kulturvereins Schloss Goldegg. „Das Projekt ist auf Schiene. Es wird am 2. Juli eine Veranstaltung geben. Aber für eine Gedenktafel braucht es eine ordentliche Vorbereitung. Der Sache ist nicht gedient, wenn es keinen breiten Konsens gibt“, betont Schwaighofer.

Offene Zustimmung kommt von SPÖ-Gemeindevertreter Martin Goller, seines Zeichens ÖGB-Regionalsekretär im Pongau: „Ich kann nicht für die Fraktion sprechen. Aber ich persönlich unterstütze das. Weil wir das, was gewesen ist, nicht vergessen dürfen.

Kompromisslösung

Die Gemeinde Goldegg, die Eigentümerin des Schlosses, fasste bis Anfang Juni 2014 keinen Beschluss für die Verlegung der privat finanzierten Gedenktafel. Dann schaltete sich die Salzburger Gebietskrankenkasse ein. GKK-Obmann Andreas Huss bot an, dem Gedenkstein auf dem Gelände des von der Krankenkasse betriebenen Regenerationszentrums in Goldegg „Asyl zu gewähren“. Die Verlegung sollte am 27. Juni über die Bühne gehen, wurde mittlerweile aber aus organisatorischen auf den 8. August 2014 anberaumt.

Bei einem Diskussionsabend Anfang Juni sagt der Goldegger Dechant Alois Dürlinger, für ihn stimme der eingeschlagene Weg nicht. Eine Tafel mit allen Namen, die die Zustimmung aller finden solle, sei für ihn „eine Illusion“. Die Ansichten der beiden Lager – Nachfahren und Angehörige der Deserteure bzw. der Kriegsteilnehmer – seien zu unterschiedlich. Eine Lösung könne in einer Gedenktafel bestehen, welche die Ereignisse zur mahnenden Erinnerung wieder gebe. An die Namen der Opfer solle dort erinnert werden, wo sie gelebt hätten.

„Weg mit den Namen“

Diese Forderung stieß unter den Anwesenden auf große Zustimmung. In mehreren Aussagen wurde deutlich, dass viele den Deserteuren die Schuld dafür geben, dass das Nazi-Regime in Goldegg mit solcher Brutalität vorging. Die Fahnenflüchtigen hätten sich lieber unauffällig verstecken sollen. Mit ihrem Verhalten hätten sie das Regime provoziert.

Klar gegen diese Ansicht stellte sich Bernhard Klettner: „Wir sollten froh sein, dass es Männer gegeben hat, die sich gewehrt haben gegen dieses System.“ Schuld am Leid der Goldegger sei der Nazi-Terror, nicht die Deserteure. Und: „Wir reden da heute über Morde, die passiert sind. Für diese Leute gibt es zum Teil keinen Grabstein. Wer von euch will ohne Grabstein beerdigt sein? Da können die Angehörigen nicht trauern“, gab Klettner zu bedenken. „Die Krankenkasse hat uns eine ordentliche Aufgabe gestellt. Es sind immer noch wir gefragt.[1]

Der von Anton Thuswaldner gestaltete Gedenkstein wurde - wie oben erwähnt - am Freitag, dem 8. August auf dem Areal der Salzburger Gebietskrankenkasse in Goldegg verlegt. Schon eine Woche vorher, nämlich am 3. August 2014, überraschte die katholische Pfarrgemeinschaft mit der Anbringung zweier Gedenktafeln, deren Text der Goldegger Pfarrer Alois Dürlinger verfasst hat, im Bereich des Friedhofs. Der Beginn des auf den beiden Tafeln verfassten Textes lautet: Das Unrechts- und Gewaltregime des Nationalsozialismus hat am 2. Juli 1944 auf der Suche nach Wehrmachts-Deserteuren und Kriegsdienstverweigerern mit über 1 000 Mann der Waffen-SS und der Gestapo Goldegg gestürmt. 14 Menschen kamen ums Leben, mehr als 40 wurden verhaftet und gefoltert." Im Gegensatz zum Gedenkstein, der am 8. August verlegt wurde, beinhalten die Tafeln wenig überraschend keine Namen.

Feierliche Gedenkstein-Enthüllung

Am 8. August 2014 wurde der von Anton Thuswaldner honorarfrei entworfene und von Brigitte Höfert gestiftete Gedenkstein, eine Platte aus Serpentinit, auf der an alle Opfer namentlich erinnert und auch der KZ-Überlebenden gedacht wird, unter Anwesenheit des Künstlers, von Familienangehörigen der Opfer und von zahlreichen Gästen aus Goldegg und vielen anderen Orten feierlich enthüllt. Einleitend sprach der Obmann der Salzburger Gebietskrankenkasse Andreas Huss als Gastgeber und der Politikwissenschafter Walter Manoschek, der sich in den letzten 15 Jahren intensiv mit der Geschichte der österreichischen Deserteure auseinander gesetzt hat, als Wissenschaftler. Manoschek sagte unter anderem, dass es notwendig ist, klare Zeichen zu setzen und dazu gehöre es auch, die Namen der Opfer zu nennen. Er räumte auch mit einem in Goldegg seit Jahrzehnten kolportierten Mythos, dass nämlich dem ganzen Ort die Deportation in die Ukraine gedroht habe, insofern auf, als er darauf hinwies, dass damals - Anfang Juli 1944 - die Ukraine längst von den Truppen der Sowjetunion besetzt und eine solche Drohung, wenn sie denn gemacht worden war und nicht erst in den späteren Jahren erfunden wurde, daher rein aus der Luft gegriffen war. Es folgten berührende Ansprachen von betroffenen Familienangehörigen der ersten und zweiten Generation und Grußnoten wie u.a. vom Komponisten Friedrich Cerha, selbst ein Wehrmachtsdeserteur. Zuletzt wurde das Epitaph enthüllt und von den Angehörigen mit Rosen geschmückt. Der Gedenkstein in Goldegg ist das erste Denkmal in Österreich, das Wehrmachtsdeserteuren und deren Helfern gewidmet ist.

Das als Österreichs erstes Deserteursdenkmal bezeichnete Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz am Ballhausplatz in Wien wurde am 24. Oktober 2014 eröffnet.

Der Gedenkstein wurde geschändet

Am 2. September 2018 wurde der Gedenkstein von bisher Unbekannten geschändet. Die verabscheuungswürdige Akt ist wohl im Zusammenhang mit den kommenden Buchpräsentationen, die sich beide mit der NS-Zeit in Goldegg beschäftigen, zu sehen. (8. September 2018, 19:00 Uhr, Schloss Goldegg, Maria Prieler-Woldan, Das Selbstverständliche tun. 13. September 2018, 19:00 Uhr, ebenfalls Schloss Goldegg, Hanna Sukare, Schwedenreiter.)

Weblinks

Quellen

  • Veranstaltung Schloss Goldegg - Filmvorführung und Diskussion - , 2. Juli 2014
  • Salzburger Nachrichten, 12. Februar 2014, Lokalteil, S. 7
  • Persönliche Anwesenheit bei der Feier in Goldegg am 8. August 2014
  • betreffend Gedenkstein-Schändung: ORF II, Salzburg heute, 2. September 2018
  • www.sn.at Goldegg: Weitere Gedenktafeln beschädigt, 4. September 2018

Einzelnachweis