Luftschutzwesen und -keller 1936-1945 in der Stadt Salzburg

Aus Salzburgwiki
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Dieser Artikel berichtet über das Luftschutzwesen und -keller 1936–1945 in der Stadt Salzburg.

Geschichte

Im Ersten Weltkrieg entwickelte sich die moderne Kriegsführung. Man hatte beispielsweise erkannt, dass eine Kavallerie nicht mehr zeitgemäß war (u. a.). Doch den strategischen Wert erkannte man erst in Zwischenkriegszeit. Man baute leistungsfähige Flugzeuge mit großer Bombentragkraft (im Ersten Weltkrieg führten die Doppeldecker-Flugzeuge einige Handbomben mit), die zur Bedrohung der Menschen wurden (z. B. im Spanischen Bürgerkrieg).

In Österreich schuf man deshalb 1930 erste zivile Luftschutzorganisationen. 1934 entstand eine eigene Luftschutztruppe im Verband der Luftstreitkräfte des Österreichischen Bundesheeres.

In der Stadt Salzburg befand sich die Luftwarnzentrale in der Polizeidirektion im heutigen Toskanatrakt der Universität Salzburg. Und dort war auch die einzige Sirene der Stadt montiert.

Ein orginelles und kühnes Projekt wurde 1937 vorgestellt: Ein Jahr nach der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht sollte auf Höhe der ehemaligen Hofstallkaserne im Mönchsberg ein großes Schaubergwerk entstehen. Dieses könnte dann im Kriegsfall als Luftschutzstollen verwendet werden.[1] Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich wurde diese halbfertige Stollenanlage zum "Befehlsstollen" für den Luftschutz im Reichsgau Salzburg ausgebaut. Im heutigen Kolleghof der Benediktiner-Erzabtei St. Peter befand sich die oberirdische Kommandozentrale.

Da sich bald nach Beginn des Zweiten Weltkriegs sich die Bedrohung der Zivilbevölkerung in verkehrsgeografisch und kriegswirtschaftlich wichtigen Städten des Deutschen Reiches durch Flächen-Bombardements der Alliierten abzeichneten, begann man auch auch in der Gauhauptstadt Salzburg mit dem Bau von Luftschutzanlagen (Luftschutzstollen, Luftschutzbunker, Luftschutzkeller sowie Splittergräben). Die Bombardements wurden zunächst von der Royal Air Force aus Großbritannien durchgeführt, ab 1941 auch von der US Air Force der Vereinigten Staaten von Amerika. Zeitgleich 1943 erfolgte die Einstellung des Reichsautobahnbaues als Zufahrten zu Schloss Kleßheim.

Die Stadtberge in der Stadt Salzburg boten günstige Voraussetzungen für den Bau von Luftschutzstollen.

Der Polizeipräsident Salzburg war in Zusammenarbeit mit dem Reichsluftschutzbund, einer nachgeordneten Dienststelle des Reichsluftfahrtministeriums, für die Planung dieser Luftschutz-Stollenanlagen zuständig. Dabei hatte sich besondere Verdienste der eigens nach Salzburg versetzte Polizei-Oberstleutnant Wilhelm Kirchhoff (* 1897; † 1960) erworben. Er verfügte bereits über große praktische Erfahrung der Feuernächte Hamburgs und Berlins. Ihm wurde zwar nach Ende des Krieges die Ehrenbürgerschaft der Stadt Salzburg verliehen, doch er geriet schon bald in Vergessenheit. Auch seine Luftschutzstollen sind weitgehend aus dem Bewusstsein der Politik und Gesellschaft verschwunden.

Der städtische Hermann Fischer war der Leiter des Baus der Luftschutzstollen in den Salzburger Stadtbergen. Dieser erfolgte im bergmännischen Vortrieb (elektrisch betriebene Pressluftbohrer und Sprengungen) durch Salzburger Firmen (Arbeitsgemeinschaften), überwiegend mit Hilfe von Zwangsarbeitern aus den Ostgebieten, teilweise mit polnischen und französischen Kriegsgefangenen sowie mit nicht feldverwendungsfähigen Militärangehörigen und vereinzelt auch Sträflingen. Die kollektivvertragliche Entlohnung gab es mit wöchentlicher Auszahlung. Die wöchentliche Arbeitszeit betrug zwischen 50 und 70 Stunden betrug. Bei den Arbeiten waren gleichzeitig 500 bis 700 Arbeitskräfte eingesetzt. Das Ausbruchmaterial, rund 70 000 m³, wurde zunächst auf Halde vor dem Neutor (dort, wo heute das Hotel Neutor steht), vor dem Festspielhaus (Max-Reinhardt-Platz) und am Kapitelplatz zwischengelagert. Von dort wurde es mit Hilfe von Feldbahnen in die Salzach verkippt und kleine Mengen zum Straßenbau verwendet.

Die Luftschutzstollen hatten in der Regel zumindest zwei getrennte Eingänge, die durch gasdichte Doppeltüren (die aber immer bis unmittelbar vor den Einschlägen der ersten Bomben offen standen) abschließbar waren. Die Bewetterung (= Belüftung) erfolgte durch Frischluftgebläse (angetrieben durch Notstromaggregate), die aber wegen der späteren permanenten Überbelegung oft nicht ausreichten und bei einigen kleineren Luftschutzstollen nicht rechtzeitig geliefert wurden. Besonders bei einem längeren Stollenaufenthalt war die Luft daher sehr schlecht. Deswegen bestand Bewegungs- und Sprechverbot, was besonders für Kinder schwierig war.

Die Einrichtung dieser Luftschutzstollen bestand aus einfachen Bänke an den Stollenwänden und mittig in den Kavernen. Jedoch reichten diese nicht aus. Die Bevölkerung nahm daher oft neben dem Fluchtgepäck (Dokumente, Wertsachen und Decke in Koffer oder Rucksack) noch ein Klappstockerl („Stollenhocker“) mit. Dann gab es einfache Toilette-Anlagen, einen Wasseranschluss, eine elektrische Notbeleuchtung, eine Lautsprecheranlage und Fernmeldeverbindungen (Telefon, Drahtfunk). Luftschutzwarte und die Hitlerjugend waren für den Ordnerdienst zuständig. Für bestimmte Personengruppen (Schulklassen, Kranke, Militärangehörige, Personen in der öffentlichen- und Partei-Verwaltung, ...) gab es eigene reservierte Abteilungen.

Neben den Luftschutzstollen gab es noch Luftschutzbunker. Das waren betonierte Untertaganlagen, abgesetzt von Gebäuden z. B. beim Hôtel de l'Europe, dem Sitz des Wehrkreiskommandos XVIII. Dann gab es noch rund 200 Splittergräben im freien Gelände. Viele geeignete Keller wurden durch Pölzungen und Sandsäcke als Luftschutzkeller adaptiert. Diese erwiesen sich jedoch als wenig sicher, wie ein Volltreffer in Itzling gezeigt hat.

Hinweispfeile („LS.“) an den Hausmauern waren die Luftschutzkeller, -bunker und -stollen besonders gekennzeichnet, um bei einem Bombentreffer die Verschütteten rasch auffinden und bergen zu können.

Luftschutzstollen in den Stadtbergen der Stadt Salzburg

Bei den Luftschutzplätzen gibt die 1. Zahl den Stand 28. September 1944 und die 2. Zahl den Stand 28. März 1945 gemäß Marx/Waitzbauer 1995, S. 9, an.

  1. LS-Stollen Warsberg (Brunnhausgasse): Öffentlicher LS.-Stollen für 135 Personen, heute abgemauert.
  2. LS-Stollen Rainbergstraße: Öffentlicher LS.-Stollen für 180 Personen.
  3. LS-Stollen Rainberg-Süd (Sinnhubstraße 15 bei Zufahrt zum Akademischen Gymnasium) erbaut Winter 1944/45: Öffentlicher LS.-Stollen für 800 Personen.
  4. LS-Stollen Leopoldskronstraße (Nr. 5) mit 3 Eingängen und einem zusätzlichen Eingang von der Rainbergstraße aus: Für Militärangehörige aus der Riedenburgkaserne, kleiner Teil für 200 Zivilpersonen. Heute „The Cave Club“.
  5. LS-Stollen Reichenhaller Straße (bei Nr. 12a): Öffentlicher LS.-Stollen für 1 200 bzw. 1 700 Personen. Heute im Besitz der Stadtgemeinde Salzburg, sporadische Nutzung früher für Schießübungen der Polizei und heute für Freiwillige Feuerwehr Salzburg (Abb. 2).
  6. LS-Stollen Augustinergasse (nach Nr. 11A gegenüber Kleimayrngasse]): Öffentlicher LS.-Stollen für 800 Personen. Heute Südstollen als Lagerraum für Tiefkühl- und Wildprodukte genutzt, Nordstollen als Vereinslokal zeitweise genutzt bzw. Lagerraum für das Salzburg Museum.
  7. LS-Stollen Augustinergasse (bei Nr.7A): Privater LS.-Stollen.
  8. LS-Stollen Müllner Hauptstraße Nord (vor Nr. 11, neben Stiegenaufgang zur Müllner Kirche): Öffentlicher LS.-Stollen für 1 200 bzw. 1 600 Personen.
  9. LS-Stollen Müllner Hauptstraße 5 (unterhalb der Hauszufahrt Nr. 7): Ehemaliger Weinkeller Firma Czerny.
  10. LS-Stollen Klausenkaserne (Müllner Hauptstraße 3): Alter Wein- und Vorratskeller der Kaserne mit 38 m², heute in Verwaltung der BIG (früher BGV II bzw. HGV).
  11. LS-Stollen Kaltenhauser Keller (zwischen Klausentor und Müllner Hauptstraße 1): Ehemaliges Pulvermagazin aus dem Dreißigjährigen Krieg, zum öffentlichen LS.-Stollen 1943/44 für 400 Personen adaptiert.
  12. LS-Stollen Gstättengasse Nord (Ursulinenplatz Nr. 9): Ehemaliger Weinkeller der Firma Marsoner & Rainer, zum LS.-Stollen 1943/44 adaptiert.
  13. LS-Stollen Gstättengasse-Bürgerspital und Bürgerspitalerweiterung (Abb. 3): Öffentlicher LS.-Stollen für 5 500 bzw. 5 700 sowie für 2 500 bzw. 3 200 Personen, heute Teil der Mönchsberggarage Nord, einige Kavernen noch erhalten (nicht zu besichtigen).
  14. Sanitäts-Stollen Neutor (ehemaliger Wein- und Vorratskeller des Bürgerspitals, zum LS.-Stollen 1943 ausgebaut): Zugang heute vom Restaurant Alt Salzburg bzw. von der Altstadtgarage Nord aus, Stollen in der Mitte abgemauert.
  15. Feuerwehr- und Rotkreuzstollen Neutor (Bucklreuthstraße, heute Eingangsbereich zur Altstadtgarage): Für Einsatzkräfte zur Brandbekämpfung und Ersten Hilfe in den Stadtteilen Riedenburg und Maxglan, heute Teil der Mönchsberggarage Mitte.
  16. Luftschutz-Befehlsstollen für den Reichsgau Salzburg (1936-38 Ausbau eines kleinen Vorratskellers der Hofstallungen zu einem LS.-Stollen für 1 000 Personen und zugleich Nutzung als Schaubergwerk des Hauses der Natur, ab 1938 LS.-Befehlsstollen): Durch den Bau der Bühne für das Große Festspielhaus 1958 zerstört.
  17. LS.-Stollen Festspielhaus (Eingänge vom Toscaninihof und vom Neutor aus, öffentlicher LS.-Stollen für 2 600 bzw. 2 800 Personen): Heute Mönchsberggarage Mitte, im Eingangsbereich heute „Felsenkeller“ (Restaurant zu besichtigen).
  18. LS.-Stollen St. Peter (Öffentlicher LS.-Stollen für 3 200 bzw. 3 300 Personen, Eingänge vom St. Peters-Friedhof, Restaurant und Kollegtrakt, vor allem für die öffentlichen Dienststellen im Altstadtbereich, z. B. GESTAPO im beschlagnahmten Franziskanerkloster. Heute kleiner Teil für Keller genutzt, Rest leerstehend.
  19. LS.-Stollen Stieglkeller (Festungsgasse): Bierkeller zum LS.-Stollen adaptiert, heute wieder Bierkeller.
  20. LS.-Stollen Herrengasse: früher und heute wieder privat.
  21. LS.-Stollen Schanzl (Nonntaler Hauptstraße): Öffentlicher LS.-Stollen erbaut Herbst 1944 für 3 400 bzw. 4 100 Personen. Heute Championzucht bzw. Lagerraum. Eingang Schanzlgasse (Lederwarengeschäft) abgemauert.
  22. LS.-Stollen Steingasse: Öffentlicher LS.-Stollen für 2 500 bzw. 2 700 Personen, heute abgemauert bzw. Eingangsbereich ausgebaut als Privatgarage, Zugang bei Steingasse Nr. 47.
  23. LS.-Stollen Steingasse: Stollen nur angeschlagen, war nicht ausgebaut.
  24. LS.-Stollen Hotel Traube (Linzer Gasse). Keller zum LS.-Stollen ausgebaut.
  25. LS-Stollen Kapuzinerberg (Stefan-Zweig-Weg oberhalb Stadtmauer bei erster Kreuzwegstation), heute abgemauert.
  26. LS.-Stollen Glockengasse: Öffentlicher LS.-Stollen für 450 Personen, Umbau zu einer Parkgarage 1994, nur kleine Reste der alten LS.-Anlage heute noch zu sehen.
  27. LS.-Stollen Schallmooser Hauptstraße (Drei Kreuze): Öffentlicher LS.-Stollen für 1 700 bzw. 2 000 Personen.
  28. LS.-Stollen Schallmoser Hauptstraße (bei Tankstelle): Durch Felssturz heute verschüttet.
  29. LS.-Stollen Fürbergstraße: Öffentlicher LS.-Stollen für 3 000 bzw. 3 300 Personen, 1989 Umbau eines Stollens zu einem Kavernen-Wasserbehälter der Salzburger Wasserwerke, Wasserbehälter zu besichtigen, andere Stollen leerstehend.
  30. LS.-Stollen Äußerer Stein.
  31. LS.-Stollen Neuhaus (unterhalb Schloss Neuhaus): Öffentlicher LS.-Stollen für 1 100 bzw. 1 300 Personen, heute privat.
  32. LS.-Stollen Eichstraße (neben Gnigler Kirche): Durch Hangrutschung eingestürzt, Mulde im Gelände heute noch zu sehen.
  33. LS.-Stollen Linzer Bundesstraße (bei Turnerwirt): Öffentlicher LS.-Stollen für 550 bzw. 800 Personen.
  34. LS.-Stollen Itzling-Kasern (unterhalb Kapelle Radeck, ehemaliger Milch- und Kartoffelkeller): Öffentlicher LS.-Stollen für 30 Personen.
  35. LS-Stollen Aigen (bei Schloss Aigen): Öffentlicher LS-Stollen.
  36. LS.-Stollen Morzg (Morzger Hügel): zwei öffentliche LS.-Stollen, heute BIG.
  37. LS.-Stollen Hellbrunn (Hellbrunner Berg): Öffentlicher LS.-Stollen, erbaut zum Schutz der Besucher von Hellbrunn („Kraft durch Freude“), heute Bärengehege Tiergarten Hellbrunn.

Quelle

Einzelnachweis

  1. Quelle Salzburger Chronik vom 25. Mai 1937